2006.videojournalismus.org

Der erste und zunächst leider auch letzte Jahrgang des Projekts „Video- und Backpack-Journalismus“ am Institut für Journalistik der Uni Dortmund hat soeben seine Video-Website mit einigen Arbeiten veröffentlicht.

Im Großen und Ganzen ist das Seminar-Konzept aufgegangen: Ausgestattet mit der am Markt üblichen Technik für Videojournalisten haben acht Studierende gemeinsam mit mir als „Coach“ ein Jahr lang ausprobiert und gelernt, wie man solo Beiträge für das Fernsehen und das Internet produziert.

Gearbeitet haben wir mit folgender Hard- und Software:

  • Gedreht wurde mit vier Kameras des Typs Panasonic DVX 100.
  • Tonaufnahmen wurden mit den Sennheiser-Mikrofonen ME66 und MKE2-60 gemacht.
  • Als Stativ wurde das Sachtler DA75L mit dem DV1-Kopf eingesetzt.
  • Außerdem wurde in den üppig dimensionierten Porta-Brace-Rucksäcken, die die ganze Technik fassten, jede Menge Kabel, eine Videokopfleuchte, Ersatzakkus, Tapes und Kopfhörer untergebracht.
  • Geschnitten wurde sowohl auf vier Notebooks (IBM Thinkpad mit 2 GB RAM) und einer größeren Workstation.
  • Als Schnittsoftware wurde Avid XPress Pro HD eingesetzt.
  • Für weitere Arbeiten kamen Adobe Audition (Tonmischung), Adobe Photoshop (Grafikbearbeitung), Adobe Dreamweaver und Flash (Aufbereitung des Rohmaterials fürs Web) sowie Sorenson Squeeze (Kompression der Videos in unterschiedlichste Formate) zum Einsatz.

Machen, machen, machen – darauf basierte im Prinzip das gesamte Seminar. Denn nur so erlangt man – eine angemessene Einweisung natürlich vorausgesetzt – die notwendige Routine im Umgang mit der Technik. Und nur durch Routine ist es möglich, dass die Technik bei der journalistischen Arbeit hilft statt zum Hindernis zu werden.

Das Feedback der acht Kurs-Teilnehmer fällt unterschiedlich aus. Beispielweise schreibt eine Teilnehmerin in unserem über die gesamte Lehrveranstaltung geführten internen Weblog:

Die Arbeit als Backpack-Journalist hatte für mich vor dem Projekt zwei Seiten. Auf der einen standen Flexibilität, Unabhängigkeit und Kreativität, auf der anderen aber auch Unsicherheit und die Gefahr, sich zu verzetteln. Meine Hoffnung war, dass mehr Übung und Routine durch das Projekt das Gewicht eher auf die positive Seite des Backpack-Journalismus legen würden. Zwar habe ich diese Seite im Laufe des Jahrs weiter schätzen gelernt, aber genauso auch gemerkt, dass mir die Arbeit im Team und das Profitieren voneinander einfach fehlen.

Eine andere Teilnehmerin schreibt:

Es gibt aber auch Situationen, in denen ich die von Markus Böhnisch vorgestellte Version „VJ 2.0“ für sinnvoller halte. Aktuelle Berichterstattung für Nachrichtensendungen zum Beispiel ist ohne zweiten Mann nur sehr schwer umsetzbar. […] Der VJ ist ein Journalist, der alleine arbeiten kann – aber nicht muss. So würde ich die Arbeit des VJ charakterisieren. Ich kann, wenn ich möchte und es nötig ist, alleine sendefähige Beiträge produzieren. Ich kann alleine Texte fürs Internet aufbereiten und Flash-Präsentationen bauen. Aber ich muss es nicht unbedingt alleine machen. Ich kann mir auch Hilfe holen – sei es, um die Abläufe um die Dreharbeit an sich zu strukturieren (Orga-Kram) oder um kreative Hilfe und Anregung beim Schnitt zu bekommen.

Vier Augen sehen eben einfach mehr als zwei – sei es bei den Dreharbeiten oder anschließend in der Post-Produktion. Und ganz klar: Der fachmännische Umgang mit der Technik erfordert viel Gerhirnschmalz und zuweilen Nerven, was während der Dreharbeiten zu Lasten des Inhalts gehen kann.

Trotzdem gibt es auch positivere Einschätzungen. So schreibt ein Teilnehmer:

Meine Meinung zum Thema Videojournalismus hat sich stark gewandelt. Inzwischen bin ich deutlich euphorischer – und viel weniger kritisch. Nach den Erfahrungen mit der Panasonic-Kamera würde ich behaupten: Ein VJ-Beitrag, der gut geplant ist und bei dem genug Zeit für die Umsetzung vorhanden ist, kann genau so gut aussehen, genau so gut klingen und genau so inhaltlich gut sein, wie ein Beitrag, der von einem Team produziert wird. […] Ich habe inzwischen gemerkt, dass ich sehr gerne alleine arbeite. Ich finde, dass man so eine ganz andere Beziehung zu seinen Protagonisten aufbauen kann. Besonders im Interview zahlt sich das aus.

Erfreulich, dass das Dortmunder Erich-Brost-Institut dieses Projekt finanziell überhaupt erst möglich gemacht hat. Bedauerlich hingegen, dass die Förderung von vornherein auf ein Jahr begrenzt war. Deswegen kann dieses Seminar nicht erneut angeboten werden – obwohl der Arbeitsmarkt endlich mal wieder Journalisten nachfragt, und zwar genau solche mit diesen Fähigkeiten.

10 Kommentare

  1. So ein Angebot wäre genau das Richtige für mich;) Danke für den Erfahrungsbericht und die vielen guten Infos zum Thema VJ !
    Ich suche ein kompaktes Schulungsangebot zum VJ. Leider bin ich weder an einer Uni, noch arbeite ich für einen Fernsehsender. An internen Schulungen kann ich also nicht teilnehmen. Wo finde ich ein Angebot für Quereinsteiger? Ich arbeite als freier Webdesigner und Online-Redakteur. Mein Ziel ist der Aufbau eines eigenen Web-Tvs. Für jeden Tipp wäre ich daher sehr dankbar!

    Grüße, Christian

  2. >>>obwohl der Arbeitsmarkt endlich mal wieder Journalisten nachfragt, und zwar genau solche mit diesen Fähigkeiten.

    Genau so ist es. VJ-Erfahrung ist sehr viel wert – egal, ob man das dann fulltime macht oder als Know How in einen normalen Onlinejournalisten-Job mitbringt. Deswegen ist es erstaunlich, dass so ein Seminar nicht weiterhin angeboten wird.

  3. @Christian: Es gibt einige private Schulungsangebote da draußen, von denen ich bisher gehört habe, zu deren Qualität ich aber nichts sagen kann. Falls Du privat einen VJ kennst, würde ich mich mal ein paar Tage an seine Fersen heften, wenn Du die Zeit dafür bereit bist zu opfern. Dabei lernt man vermutlich am meisten. Ansonsten kann ich nur empfehlen, selbst anzufangen und zu experimentieren, also eine Kamera und ein Schnittprogramm kaufen und loslegen. Der Rest kommt mit der Zeit.

    @Fabian: Ich stecke das in die Schublade der Dinge, die ich nicht verstehe, egal wieviel Mühe ich mir gebe. Am Dortmunder Institut für Journalistik, das ich sehr schätze (nicht nur weil ich dort selbst studiert habe), wird sogar die Lehrredaktion Online geschlossen. Mit Weitsicht hat das nichts mehr zu tun.

  4. @ Roman: Ich kenne leider keinen Videojournalsieten privat. Dafür aber einen freiberuflichen Kameramann, der sich mit dem neuen Berufsbild des Videojournalisten eher schwer tut.
    Die Panasonic DVX 100 wäre sicher die richtige Profi-Kamera.
    Gibt es aber noch ein empfehlenswertes Modell aus dem gehobenen Amateur-Sektor, welches auch deutlich weniger kostet? Wenn es damit dann gut läuft, kann man doch immer noch aufrüsten.

    @Fabian @ all: Ein guter Staetpunkt für die Recherche nach Schulungen ist: http://www.kliebhan.de/vj/training.html
    Ich denke dass es mehr freie Angebote geben wird, sobald die Nachfrage bei den Bildungsträgern steigt. Es wäre daher sicher sinnvoll wenn sich alle Interessenten dort einmal melden und nachfragen;)! Good luck!

  5. Dass sich viele Kameramänner mit dem Berufsbild Videojournalist schwer tun, ist nichts Neues. Und unter vielen Fernseh-Journalisten genießt der Job genauso wenig Ansehen. Ist ja auch kein Wunder: Videojournalismus steht unter dem Verdacht, billig zu sein. Klingt ja auch ein wenig anmaßend, wenn eine Person plötzlich einen Job machen soll, den sich vorher vier Leute geteilt haben.

    Der Videojournalismus rüttelt an den Fundamenten bisheriger Fernseharbeit – man braucht keine hunderttausende Euro mehr, um Fernsehen zu machen. Der Zugang zum Medium wird demokratischer, das Monopol „altgedienter Hasen“ bröckelt, was den wenigsten schmeckt. Zumindest nicht denen, die bisher fest im Sattel saßen und jetzt umdenken müssen.

    Was eine adäquate Kamera betrifft: Ich kenne nicht viele, und diese wenigen auch nur aus Broschüren oder Fachmagazinen. Gute Tipps bzgl. solcher Fragen kannst Du
    Dir aus den Foren von hackermovies.com holen – dort wurde die richtige Kamera schon x-mal diskutiert, und zwar gewissermaßen von Fachleuten.

    Für den gehobenen Amateur-Sektor würde mir spontan die Canon XM2 einfallen. Ich hatte mal (und habe immer noch) das Vorgängermodell, die XM1. Damit lässt sich prima lernen, Blende und Schärfe können recht gut kontrolliert werden. Die wichtigsten Parameter lassen sich über vernünftig dimensionierte Schalter bedienen (und nicht über verschachtelte On-Screen-Menues). Der Tonpegel lässt sich an der XM2 für beide Kanäle unterschiedlich pegeln, aber leider kann man ein Mikro nur über Klinkenstecker anschließen (womit man leben kann).

  6. Ich denke, die Fernsehwelt befindet sich tatsächlich in einem epochalen Umbruch. Gerade auch die Möglichkeiten, die eigenen Filme im Internet zu veröffentlichen, und sein eigenes Publikum in Nischen zu erreichen, wird den Etablierten noch zu schaffen machen. Dabei könnten Sie auch selber davon profitieren wenn Sie Ihre starren Strukturen aufweichen und selber mitmischen bzw. den Prozess sogar fördern.
    Besten Dank für den Tipp mit der XM2. Das Modell hatte ich auch schon im Auge. Ich bleibe am Ball.

  7. @christian:
    die xm2 kann ich auch empfehlen.
    robust, gut zu bedienen und lichtstark!
    das stationäre microfon reicht für web.tv.

    zum web.tv:
    auch wir planen den aufbau eines solchen angebotes.
    schau einfach mal auf unsere webseite. auch wenn du nicht in berlin wohnst, kannst du gern mitmachen. in zukunft soll es auch (kurz)schulungen zum vj geben.

    viele grüße
    fredkowasch@interpool.tv

  8. Wie gut harmonieren eigentlich die DVX100 und der kleine Sachtler-Kopf? Vom Gewicht ist es gerade so an der Grenze, oder?

  9. Sie harmonieren eigentlich ganz gut. Der Kopf ist ausgelegt für ein Maximalgewicht von zwei Kilogramm, die Kamera wiegt 1,7 Kilogramm. Problematisch könnte es allenfalls werden, wenn Du zum Beispiel eine „schwere“ Kopfleuchte sowie ein zusätzliches Mikro aufsetzt. Ich setze daher den Kopf DV 2 II ein – der trägt immerhin drei Kilogramm.

  10. Danke für die Info. Ich liebäugle ja ein klein wenig mit den neuen Canon HDV-Camcordern, die wiegen aber ohnehin knapp über 2kg.

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