Archiv für Dezember 2006

10 Gründe für Teamarbeit, Teil 1

2. Dezember 2006 | Bisher 3 Kommentare »

Es gibt immer wieder Situationen, in denen ich als Videojournalist merke, nah an den Grenzen des Machbaren zu sein. Gestern war es wieder einmal soweit: Eine Verabredung zu einem Interview, maximale Dauer: eine halbe Stunde inkl. Auf- und Abbau der Technik. Mehr Zeit hatte der Gesprächspartner leider nicht.

Das aufgezeichnete Material soll in einem Magazinbeitrag verwendet werden, das heißt: die Qualität soll sich nach Möglichkeit von einem schnell aufgezeichneten O-Ton unterscheiden.

Die redaktionellen Anforderungen lauten dann in etwa wie folgt: Der Interviewpartner wird in seiner passenden Umgebung gezeigt, der Hintergrund der gewählten Umgebung verschwimmt leicht in der Unschärfe und sein Gesicht wird plastisch konturiert dargestellt, was mit Hilfe klassischer Drei-Punkt-Ausleuchtung (also Führungslicht, Aufheller und Kante) erreicht werden kann.

Für solche Ansprüche ist eine halbe Stunde für mich die magische Grenze, um den gesamten Technikaufbau noch hinbekommen zu können, wenn ich einplane, dass noch etwa zehn Minuten Zeit für das eigentliche Interview verbleiben sollen. Das alles ist so knapp kalkuliert, dass jeder Handgriff sitzen muss und keine Pannen passieren dürfen.

Das Ganze lief gestern so ab: Nachdem ich einen Parkplatz in der Düsseldorfer Innenstadt gefunden und die etwa 20 Kilo schwere Ausrüstung (Rucksack mit Kamera, Kabeln, Akkus, Tapes, div. Zubehör; Kamerastativ; drei Lichtstative; kompakter Lichtkoffer) ins etwa 500 Meter entfernte Gebäude (5. und damit letzter Stock) getragen hatte, lernte ich kurz meinen Interview-Partner kennen, der gleich aber schon wieder zum nächsten Termin musste.

Parallel dazu sah ich mir den Raum an, in dem die Aufzeichnung stattfinden sollte. Folgende Fragen mussten mit wenigen Blicken geklärt werden:

  • Lässt sich der Raum komplett abdunkeln um die Ausleuchtung ausschließlich mit Kunstlicht hinzubekommen? Oder muss ich das Tageslicht miteinbeziehen und dementsprechend mit Blaufolien vor den Lampen arbeiten?
  • Wo sitzt der Gesprächspartner, wo sitze ich? Ist mein Abstand zum Gesprächspartner und wiederum sein Abstand von den Hintergrundobjekten groß genug, um diese in der Unschärfe verschwimmen zu lassen?
  • Habe ich genug Platz, das Stativ mit der Kamera neben mir zu positionieren (idealerweise auf der rechten Seite, um stets ins ausgeklappte Display sehen zu können)?
  • Ist genug Platz für die drei Lampenstative vorhanden?
  • Ist der Raum ruhig (also weitgehend ohne störende Nebengeräusche, die durch Türen oder Fenster dringen)? Wenn ja, so kann ich bedenkenlos mit einem Ansteckmikrofon samt Kugelcharakteristik arbeiten. Wenn nein, dann muss ich versuchen, die störenden Schallquellen zu isolieren (Fenster schließen, ggfs. einen anderen Raum suchen) oder den Ton mit einem Richtmikrofon (samt Supernierencharakteristik) selbst zu angeln (absolut nicht empfehlenswert, weil das allein sehr anstrengend ist)

In diesem Fall waren die Bedingungen nahezu optimal. Keine störenden Geräusche, kein Hall, genug Platz im Raum, die Fenster konnten verdunkelt werden.

Nachdem alles aufgebaut war (was etwas länger als zehn Minuten dauerte), schaltete ich die Lampen der Reihe nach ein. Leider hauchten zwei der drei Brenner in diesem Moment ihr Leben aus. Und genau das brachte das gesamte Konzept durcheinander.

Zwar ist es ein Leichtes die Brenner kurz auszutauschen, aber nicht in dieser Situation. Außerdem waren die Sicherungen in den Lampen ebenfalls hin. Und an die komme ich nur mit einem kleinen Schraubendreher ran.

Eine Reparatur hätte kostbare Minuten gekostet, in Verzug war ich sowieso und der Interviewpartner schaute auf seine Uhr. Ich entschied mich für Plan B, also mit dem funktionierenden Rest und der gegebenen Beleuchtung am Ort zu arbeiten.

So zog ich die Rolläden wieder hoch und setzte das hereinfallende Tageslicht als Führung ein, schaltete die Deckenbeleuchtung (Leuchtstoffröhren) zu und funktionierte den eigentlich als Kante gedachten Scheinwerfer zum Aufheller um. Weil das Tageslicht im Raum nun dominierte, habe ich eine blaue Folie vor dem Aufheller befestigt. Mit dem anschließenden Weißabgleich habe ich dann die Kamera auf die vorherrschende Lichttemperatur eingestellt.

Erst jetzt - endlich - konnte ich mich ums Inhaltliche kümmern.

Später am Videomonitor zeigte sich dann, dass die Ausleuchtung insgesamt zwar nicht optimal, aber dennoch ganz passabel (oder zumindest sendbar) ist.

In einem gut abgestimmten VJ-Zweier-Team wäre so etwas sicher anders abgelaufen. Während sich einer zum Beispiel um die Lichtaufbauten kümmert, kann der andere die etwas leichteren Kameraaufbauten erledigen und sich dabei trotzdem noch angeregt mit dem Interviewpartner unterhalten. Das trägt zur Auflockerung bei. Und ganz sicher hätten dabei kostbare Minuten eingespart werden können, um die Lichttechnik direkt am Ort wieder fit zu machen.

Insofern kann ich die Arbeitsweise, die VJ Markus Böhnisch in seiner vor zwei Jahren verfassten Diplomarbeit (PDF; 1.4 MB) zeitgemäß als VJ 2.0 beschreibt (S. 61 ff.), nur unterstreichen. Videojournalismus heißt nicht, dass man um jeden Preis allein arbeitet.