Die Panasonic AG-AF101 für den Videojournalismus?

10. Februar 2012 | Schlagworte: -

Panasonic AG-AF101 mit Tamron 17-50mm f/2.8

Seit einigen Wochen freunde ich mich mehr und mehr mit der Panasonic AG-AF101 an, der ersten großsensorigen Videokamera mit Wechselobjektiven nach dem DSLR-Video-Hype. Dazu ein paar Gedanken, die mich nach langem Abwägen zum Kauf dieser und eben keiner anderen Kamera bewogen haben.

Wer weniger als 5000,- Euro netto für eine Kamera mit dem 35mm-Look ausgeben und nicht zu einer HDSLR greifen möchte, landet zwangsläufig bei drei Modellen: Der Panasonic AG-AF101 (1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9), der Sony NEX-FS100 (1, 2, 3, 4, 5) und der Sony NEX-VG20 (1, 2, 3). Mehr gibt der Markt zurzeit nicht her.

Update (03.03.2012): Adam Wilt hat den wohl bisher umfassendsten Testbericht über die Sony FS100 auf ProVideo Coalition.com veröffentlicht. Teil seines Fazits: “Best large-single-sensor image quality available under $13,000.” Interessant ist auch sein Vergleich zur AF101.

Panasonic AG-AF101 mit Tamron 17-50mm f/2.8Beim Kauf einer neuen Videokamera – so war es zumindest in den vergangenen Jahren – schaue ich zunächst immer, was Panasonic zu bieten hat. Ganz einfach weil mich die DVX100 damals schwer überzeugte: Das Schalter-Layout, der logische Aufbau, das einfache Handling. Wer die DVX kennt oder mit den nachfolgenden Modellen HMC151, HVX200 oder HPX171 gearbeitet hat, wird die AF101 sofort wiedererkennen. Alle Schalter sind dort, wo man sie vermutet. (Naja, fast alle: Der Start-/Stop-Knopf für die Aufnahme befindet sich weder am abschraubbaren Henkelgriff noch an der Daumenposition der rechten Hand, wenn man die Kamera mit der Schlaufe hält. Das fühlt sich schon etwas ungewöhnlich an.)

Die deutlich günstigere NEX-VG20, über die ich hier im September 2011 noch nachgedacht hatte, war für mich schnell aus dem Rennen. Die Kamera bringt leider immer noch die Schwächen vieler HDSLRs mit (Moiré) und verfügt weder über veränderbare Bildprofile noch über integrierte ND-Filter, die ich für ein absolutes Muss halte. Wer beim Drehen Zeit hat und szenisch arbeitet, wird das nicht wichtig finden. Wer andauernd mit sich ändernden Lichtbedingungen zu kämpfen hat oder viel zwischen drinnen und draußen wechselt, wird das vierstufige Filterrädchen der AF101 schätzen (ND Clear, 1/4, 1/16, 1/64). An meiner EOS 550D musste ich in solchen Situationen ständig den variablen ND-Filter vor dem Objektiv ab- bzw. wieder aufschrauben. Nicht ideal.

Ein großer Teil meiner Arbeit sind Interviews. Dabei lege ich Wert auf absolute Kontrolle aller technischen Parameter, natürlich auch beim Ton. Da die NEX-VG20 nur einen Miniklinken-Anschluss für das Mikrofon bietet, der unter Idealbedingungen zwar ebenfalls gute Tonqualität liefert, aber eben nicht so zuverlässig ist wie XLR-Anschlüsse, waren auch hier die Würfel schnell gefallen. Klar kann man wie bei einer HDSLR den Ton extern aufnehmen (1, 2, 3). Das ist aber ein zusätzlicher Arbeitsschritt, der vor allem bei langen Interviews Nerven kosten kann (z.B. Auseinanderdriften von Bild- und Tonspur nach geraumer Zeit).

Im Rennen blieben also noch die AF101 und die FS100. Wer sich zwischen diesen beiden Geräten nicht entscheiden kann, sollte zunächst einen Blick auf diesen Vergleich inkl. einer Liste der wesentlichen Features beider Kameras werfen. Eindeutiges Kriterium gegen die FS100: Sie hat keine ND-Filter.

Ansonsten füllen sich die Fachforen mit allerlei Meinungen, und es gibt zahlreiche Pixel-Peep-Tests, bei denen die AF101 grundsätzlich schlechter abschneidet als die FS100. Informativ in diesem Zusammenhang sind u.a. folgende Videos:

Weit verbreitete Meinung ist, dass die FS100 auch deshalb den besseren Aufnahmesensor hat, weil er ziemlich genau den Abmessungen von Super 35 Film entspricht. Der 4/3″-Sensor der AF101 ist wenige Millimeter kleiner, der Crop-Faktor also höher, das Sichtfeld bei Verwendung eines identischen Objektivs enger, die Schärfentiefe bei gleicher Blende höher. Zwei Quellen finde ich in diesem Zusammenhang ganz hilfreich:

  • Den Field of View-Comparator von AbelCine, mit dem man wunderbar die verschiedenen Sichtfelder unterschiedlicher Sensorgrößen bei beliebig einstellbaren Brennweiten miteinander vergleichen kann.
  • Ein Schärfentiefe-Vergleichsvideo zwischen der AF101, der FS100 und der Canon 5D MK II.

Auch wenn die FS100 in der Summe das bessere Bild liefert, habe ich mich trotzdem für die AF101 entschieden. Einerseits bin ich auf die Lowlight-Eigenschaften nicht angewiesen. Ich habe nicht vor, die meiste Zeit im Dunkeln zu drehen oder kein zusätzliches Licht zu setzen. Was die Schärfentiefe betrifft: Ich sehe es als Vorteil, wenn der Sensor nicht ganz so groß ist, weil es das journalistische bzw. dokumentarische Arbeiten erleichtert. Wenn die Bilder filmisch aussehen sollen, ist das spielend einfach mit der AF101 machbar. Wenn ich hingegen große Schärfentiefe brauche (und das ist sehr oft der Fall), kriege ich auch das mit einer entsprechend kurzen Brennweite und kleiner Blendenöffnung schnell hin.

Den Einsatz der AF101 im Journalismus bzw. Dokumentarfilm behandeln folgende beiden Artikel:

  • Der Erfahrungsbericht von Andy Portch auf DSLR News Shooter, der seine AF101 für den TV-Sender Sky News einsetzt.
  • Ein Report des Magazins Film TV Video über den österreichischen Dokumentarfilmer Udo Maurer, der mit der AF101 arbeitet.

In diversen Kamera-Shootouts werden zwar allerlei Pixel gezählt, aber im Endeffekt wird ein Punkt oft vergessen: Das Kamera-Handling. Mir ist wichtig, dass ich mit meiner Kamera in freier Wildbahn auch ohne Rig und ohne Stativ gute Bilder gewinne. Ich will kompakt arbeiten und auf keinen Fall irgendein Konstrukt schultern. Mit der AF101 habe ich – bisher zumindest – ein gutes Gefühl. Ruhige Aufnahmen frei aus der Hand (rechte Hand in der Schlaufe, linke Hand unter dem Objektiv, Arme vor der Brust verschränkt – klassische VJ-Haltung) sind mit meinem 17-50mm-Objektiv zumindest bis 35mm ohne Weiteres möglich, danach kann das typische CMOS-Zittern auftreten.

Ein paar Worte noch zu den Objektiven. Wegen des geringen Auflagemaßes des Micro Four Thirds-Systems der AF101 kann man zahlreiche Objektive von Fremdherstellern nutzen. Dazu braucht man jeweils einen Adapter. Meine alten AIS-Nikkore mit eigenem Blendenring sind gar kein Problem, Nikon-Objektive ohne Blendenring funktionieren ebenfalls.

Etwas dünner sieht es bei den EOS-Objektiven ohne eigenen Blendenring aus, da die Blende nur elektronisch gesteuert werden kann. Der lang angekündigte und bis heute nicht erschienene Birger-Adapter hätte es möglich machen können. Ansonsten gibt es noch eine Lösung von Redrock Micro (mit eigener Batterie), eine weitere von MTF Services sowie jeweils ein Adapter von Kipon und Fotodiox, die über einen eigenen Blendenring verfügen und nur sehr eingeschränkt bzw. gar nicht mit EF-S-Objektiven funktionieren.

Wer allerdings Wert auf elektronische Blendensteuerung mittels Iris-Rädchen an der Kamera und Bildstabilisierung legt, ist auf Panasonics MFT-Objektive angewiesen. Die Auswahl lichtempfindlicher Objektive ist allerdings sehr überschaubar.

In den nächsten Monaten werde ich mal schauen, wie sich die AF101 im VJ-Bereich schlagen wird. Die ersten Kurzeinsätze liefen vielversprechend. Was mir bisher so aufgefallen ist:

  • Die Schärfe lässt sich auf dem LCD-Display mit der Funktion EVF DTL und der Funktion “Focus in Red” super beurteilen. Bisher lag ich nicht falsch. Klasse wäre es, wenn man das Display auf S/W schalten könnte. Das geht aber leider nur beim Sucher.
  • Merkwürdig ist, dass es zum Fokussieren keine digitale Vergrößerung gibt – längst ein Standard der älteren Panasonic-Kameras. Warum bei der AF101 nicht daran gedacht wurde, ist mir ein Rätsel.
  • Wie eingangs erwähnt, ist die Position der beiden Schalter zum Starten und Stoppen der Aufnahme ziemlich gewöhnungsbedürftig.

Übrigens, wer Informationen rund um die AF101 anderer Anwender sucht, wird früher oder später ohnehin im entsprechenden Forenbereich auf DVXuser.com landen. Sehr hilfreich finde ich aber auch das Blog von theeditman.com.

5 Kommentare

  1. webmov · 13. Februar 2012

    Hallo,

    danke für die Ausführungen und Gedanken.
    Ich kämpfe auch gerade mit mir: FS 100 oder AF 101.
    Der Vergleich bei DVXUSER ist ja auch schon 33 Seiten lang. Ein einziges Ergebnis in Form von “diese eine kann es nur sein” wird es nicht geben können.
    Mich reizt etwas mehr die höhere Auflösung bei der FS. Keine ND kann nervig werden,klar.
    Aber wenn nur Interviews aufgenommen werden oder alles vom Stativ kommt, sieht es wieder anders aus.
    Ich werde wahrscheinlich die NAB im April abwarten….
    Da gibt es bestimmt neue Anlässe für quälende Gedanken….

  2. Roman Mischel · 13. Februar 2012

    Wenn ich die Kamera ausschließlich für Interviews nutzen wollte, dann würde mir die Wahl im Augenblick auch schwer fallen und vermutlich auf die FS100 fallen. Aber die AF101 macht mir für Handheld-Einsätze ohne Rig den geeigneteren Eindruck.

    Und dann spielte bei der Entscheidung noch eine ganz entscheidende Rolle, dass ich mich von der HPX171 getrennt und diese durch eine AC160 ersetzt habe. Die AC160 und die AF101 sind sehr ähnlich: Die Anordnung der Schalter ist nahezu identisch, die gesamte Menuestruktur, der Aufnahme-Codec, bestenfalls auch der Look der Bilder dank anpassbarer Scene-Files (vom Unterschied durch die Schärfentiefe mal abgesehen).

    Bis zur NAB zu warten, hatte ich auch erst überlegt. Aber ich brauche die Kamera jetzt und nicht erst in unabsehbarer Zeit. Wer weiß, was da angekündigt wird und wann es dann letztendlich zu anständigen Preisen erhältlich ist. Bei Panasonic rechne ich stark mit einer Weiterentwicklung der AF101: Eine Kamera mit deutlich verbessertem 4/3″-Sensor, P2, AVC-Intra – also im Prinzip eine HPX250 mit großen Sensor und Wechselobjektiv.

  3. webmov · 13. Februar 2012

    Damit rechne ich auch, aber vielleicht noch mit AVCHD und SD-Karten. Schaun wir mal ;-)

  4. Julia · 9. Januar 2013

    Circa ein Jahr nach deinem echt tollen Review stehe ich gerade vor einer ähnlichen Entscheidung.. ich liebäugel mit dem Nachfolger, der AG-AF100A, bin aber noch unschlüssig, weil ich bislang im Sony “knöpfchenwald” zu hause bin. Welche Objektiv sind denn so in Standard Nutzung bei dir?

  5. Roman Mischel · 12. Januar 2013

    Mit Abstand am häufigsten nutze ich derzeit das Lumix 12-35.

    An deiner Stelle würde ich statt der A-Serie mal schauen, ob du jetzt noch eine AF101 aus Restbeständen kaufen kannst. Vielleicht hast du bei dem ein oder anderen Händler Glück und kannst ein richtiges Schnäppchen machen.

    Denn die einzig interessante Neuerung der A-Serie wäre für mich die digitale Focus-Vergrößerung, aber ich komme inzwischen auch mit der Focus-in-Red-Funktion (vor allem am S/W-Sucher) sehr gut klar. Bei Interviews setze ich eh meistens den smallHD DP6 ein, habe also 1:1-Focus.

    1080p50 kriegst du auch mit einem Firmware-Update (kostenpflichtig; sollte aber bei einer nagelneuen 101 aus einem Restbestand bereits integriert sein). Der 10-Bit-SDI-Out der A-Serie macht natürlich nur Sinn, wenn du auf externe Medien aufzeichnest. Und so richtig 10-Bit schneint der SDI-Out auch nicht zu sein, sondern “enhanced 8-Bit”, Details dazu siehe hier.

    Nach etwas mehr als einem Jahr mit der AF101 bin ich sehr zufrieden mit der Kamera. Für meine Zwecke gerade richtig, vor allem was das Handling betrifft. In Sachen Bildqualität (nach welchen Kriterien auch immer man die definieren mag) gibt es sicher modernere großsensorige Camcorder. Für den Preis steckt aber wahnsinnig viel drin in der AF101.

    Was die korrekte Belichtung betrifft, ist sie aber eine Diva, und ich glaube auch nicht, dass sich das an der AF101A geändert hat. Grundsätzlich gilt extreme Vorsicht vor Highlights, also wenn möglich leicht unterbelichten, was natürlich immer schwierig ist, wenn man sehr starke Kontraste im Bild hat (z.B. Gesichter vor einem blauen Himmel an einem sonnigen Tag).

    Zeit nehmen sollte man sich auch mit den Bildeinstellungsmöglichkeiten. Nach längerer Auseinandersetzung damit bin ich beim B.PRESS-Gamma und der NORM2-Matrix gelandet und belichte Hautfarben grundsätzlich nicht höher als mit 60 IRE, eher darunter. Das heißt das Zebra steht nicht mehr auf 70 Prozent, wie man es sonst eigentlich gewohnt ist, sondern auf 60 oder 55 Prozent. Und wann immer möglich, werfe ich noch einen Blick auf den Waveform-Monitor. Notwendige Korrekturen verlagere ich dann auf die Postproduktion, also etwa die Mitteltöne wieder etwas anzuheben.

    Es gibt sicher Kameras, mit denen man direkt und viel leichter zu schönen Bildern kommt, z.B. scheint die Canon EOS C100 in diese Richtung zu gehen. Aber die halte ich für etwas zu teuer.

    Und ein Punkt noch: Das m43-System ist wirklich ein schöner Kompromiss aus Kompaktheit (für Videojournalisten immer wichtig) und der Möglichkeit, recht einfach zu Bildern mit nicht übertriebener geringer Schärfentiefe zu kommen.

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