Seit ein paar Tagen ist die Magic Lantern Firmware für die 550D/Rebel T2i in einer Version mit Menueführung zu haben. Wie schon bei der 5D Mark II verfügt jetzt auch die kleine 550D über Features, die deutlich professionelleres Arbeiten ermöglichen.
Ich habe testweise mal die Firmware vom 12. Dezember installiert (550D/1.0.8), in der es auch einen Spotmesser gibt, um punktuell die Belichtung zu messen.
Insgesamt hat diese Version von Magic Lantern noch ein paar Fehler, ist für mich aber trotzdem eine riesengroße Bereicherung – allein schon wegen des Audio-Teils, um den es im folgenden geht.
Endlich ist es also möglich, die Tonautomatik (AGC) abzuschalten und beide Kanäle unabhängig voneinander zu pegeln. Schade nur, dass es den Entwicklern noch nicht gelungen ist, eine Tonkontrolle über den AV-Out zu programmieren.
Meine (hier abgekupferte) Idee war daher, den Zoom H1, die Funkstrecke EW100 G2 (mit Ansteckmikro MKE2) und die 550D so zu verbinden, dass ich einerseits ein sauberes Tonsignal aufzeichnen kann, andererseits das Tonsignal mit Kopfhörern über den Zoom H1 abhören kann – und das alles natürlich ohne später im Schnitt synchronisieren zu müssen. Der Zoom H1 dient also nur als Vorverstärker und gibt das Tonsignal direkt an die 550D weiter, die – dank abgeschaltetem AGC – möglichst rauschfrei aufzeichnen soll.
Das funktioniert auch gar nicht mal so schlecht. Die Verbindung zwischen Zoom H1 und 550D habe ich bisher zwar nur über ein ganz normales Stereoklinkenkabel hergestellt und konnte deshalb noch keinen Kopfhörer anschließen.
Ideal wäre ein Y-Kabel: Auf Zoom-Seite müsste es mit einem 3,5mm-Stereoklinkenstecker enden, auf der anderen Seite jeweils mit einem 3,5mm-Stereoklinkenstecker (zum Anschluss an die 550D) sowie einer 3,5mm-Stereoklinkenbuchse (für den Kopfhörer). Ob man so ein Kabel kaufen kann? Vermutlich ist das eher ein Fall zum selber Löten.
Ziel ist es, das über den Zoom H1 aufgezeichnete Tonsignal an die Kamera so weiterzuleiten, dass die Pegelanzeigen 1:1 übereinstimmen. Zeigt also der Zoom beispielsweise einen Pegel von 12 dB unter der Vollaussteuerung an, sollte das die 550D auch tun.
Da ich weder die Pegelanzeige des Zoom noch die von Magic Lantern besonders genau finde, bin ich auf folgende Ungefähr-Einstellungen gekommen (falls jemand bessere Einstellungen gefunden hat, bin ich um jeden Hinweis in den Kommentaren dankbar).
Im Magic Lantern-Menue:
AudioMeter: ON (zeigt die beiden Pegelmesser)
Output vol: 6 dB (dieser Wert ist völlig egal, da die Audiokontrolle über Kopfhörer direkt an der 550D noch nicht einwandfrei funktioniert)
Anlg Gain: 0 dB (die analoge Mikrofonvorverstärkung)
L-Gain: 6 dB (Verstärkung des linken Kanals)
R-Gain: 12 dB (Verstärkung des rechten Kanals)
AGC: OFF
Filters: OFF
Inp: ext stereo (Eingangsquelle ist also linker und rechter Kanal des externen Mikrofonanschlusses)
Die Sennheiser-Funkstrecke habe ich wie folgt eingestellt:
Sensitivität des Senders: -10 dB
AF-Out des Senders: -24 dB
Und den Zoom H1 so:
Mikro/Line In: 70
Kopfhörer/Line Out: 90
Mit diesen Einstellungen kommt normal laute Sprache, aufgezeichnet über ein auf Brusthöhe angebrachtes Sennheiser MKE2, etwa so in der 550D an:
Da ich den ersten Kanal nur mit +6 dB verstärkt habe, dient er zu Sicherheit, denn die Wahrscheinlichkeit zu übersteuern ist sehr gering. Den zweiten Kanal habe ich mit +12 dB verstärkt, weswegen das Signal in den Spitzen an zwei Stellen verzerrte.
Rauschfrei läuft die Aufnahme mit Magic Lantern natürlich auch nicht, dazu ist der Tonteil der Kamera vermutlich einfach zu schwach und meine Verkabelung zu störanfällig. Während bei meinen Einstellungen das Grundrauschen des ersten Kanals bei -44 dB unter der Vollaussteuerung liegt, ist’s beim zweiten Kanal deutlich höher. Zum Vergleich: Das Grundrauschen liegt beim direkt mit dem Zoom aufgezeichneten Signal bei etwa -50 dbFS.
Mein zwischenzeitliches Fazit: In Zukunft werde ich den Ton so wie beschrieben aufzeichnen. Den Zoom werde ich bei Interviews natürlich auch auf Aufnahme schalten, um im Zweifelsfall einfach noch eine alternative Tonspur zu haben, die rauschfreier ist und eben auf altbewährte Art später synchronisiert werden kann.
Auf den Zoom H1 habe ich lange gewartet. Vor ein paar Tagen ist der kleine Audio-Rekorder hier eingetroffen. Mein erster Eindruck: Sehr brauchbar und eine tolle Ergänzung, mit der ich mein Low-Budget-DSLR-Rig nun komplettiere. Einen ersten Test gibt es hier.
Was mir positiv auffällt:
Spannungsversorgung erfolgt über eine einzige 1.5V-AA-Batterie bzw. über einen 1.2V-AA-Akku (Energieverbrauch scheint sehr gering zu sein).
Im Lieferumfang ist eine 2GB-Micro-SD-Karte samt Adapter auf SD enthalten.
Die Bedienung erfolgt nicht über verschachtelte Menues, sondern über außen liegende Schalter.
Nicht so gut:
Die Verschlussklappe des Micro-SD-Kartenslots ist so schlecht angebracht, dass sie wohl früher oder später von selbst abfallen wird.
Wenn man das interne Mikro benutzen will, muss man das Gerät schon mit Samthandschuhen anfassen. Minimale Griffgeräusche sind sofort zu hören. Selbst wenn ich den Zoom direkt am Rig befestige, übertragen sich die Griffgeräusche vom Rig deutlich hörbar auf das Mikrofon.
Zum Tonpegel steuern gibt es nur einen +/- Schalter, kein kleines Rädchen.
Beide Tonkanäle kann man nur zusammen aussteuern.
Weil ich das interne Mikrofon des Zoom sowieso nicht brauche, habe ich gleich mal mein Sennheiser K6 mit ME64-Kapsel angeschlossen. Etwas ernüchternd: Selbst wenn ich den Tonpegel auf 100 Prozent hochziehe, kommt die Aufnahme nur mit -12 dbFS in den Spitzen an (bei normal lauter Stimme sowie einem Abstand zum Mikrofon von etwa 50 cm). Dasselbe beim auf Brusthöhe angebrachten Ansteckmikro MKE2 (ebenfalls gespeist über den K6).
Wesentlich besser läuft’s mit meiner G2-Funkstrecke. Ich hab’s mal mit der MKE2-Kapsel ausprobiert und sie ebenfalls auf Brusthöhe angebracht. Wenn ich den Sender auf -10 dB Sensitivität und den AF OUT des Empfängers auf -18 stelle, kommt ein superklares Signal an, das bei 80 Prozent Pegeleinstellung in den Spitzen bei -6 dbFS landet.
Jetzt fehlt eigentlich nur noch die Magic Lantern-Firmware für die 550D, mit der dann hoffentlich bald manuelle Tonaussteuerung direkt an der Kamera möglich ist. Dann werde ich den Zoom via Line Out direkt mit dem Mikrofoneingang der DSLR verbinden, um das Tonsignal durchzuschleifen – so zumindest der Plan.
Dann muss ich nur noch herausfinden, mit welcher Lautstärke ich aus dem Audiorekorder herausgehe und auf welchen Wert ich die Eingangsempfindlichkeit der Kamera einstelle. Bestenfalls stimmt dann die Pegelanzeige des Zoom 1:1 mit dem ankommenden Signal in der 550D überein – genau so wie es hier bereits für die 5D Mark II und dem Zoom H4n beschrieben steht.
Update (04.10.2010): In den vergangenen Tagen ist mir aufgefallen, dass mein Zoom H1 im abgeschaltetem Zustand trotzdem Energie frisst – und zwar nicht zu knapp. Nach knapp zwei Tagen ist der Akku leer, ohne dass ich das Gerät auch nur einmal eingeschaltet hatte. Dasselbe Problem haben auch andere.
Update (13.10.2010): Das alte Gerät (Seriennummer irgendwo zwischen 11.000 und 12.000) habe ich ausgetauscht, das neue mit einer Seriennummer über 43.000 hat das Problem nicht mehr. Der Akku ist seit Tagen drin und randvoll.
Geringe Schärfentiefe als gestalterisches Mittel einsetzen heißt, das Auge des Betrachters auf den wesentlichen Bildinhalt zu lenken und das Wichtige vom Unwichtigen trennen. Gezielt eingesetzt sieht das nicht nur ansprechend aus. Es erleichtert auch das Verstehen.
Frerk Lintz (Macher des Video-Interview-Magazins FOLGE) hat kürzlich in seinem Blog ein paar Gedanken zur DSLR-Technik und geringer Schärfentiefe aufgeschrieben, die ich sehr lesens- und weiterdenkenswert finde.
Entscheidender ist dann aber natürlich was mit dieser Technik veranstaltet wird. Und da hakts, und es entsteht viel Blödsinn oder aber auch nur handwerklich O.K.es. Aber das gehört für mich zum Prozess dazu. Es gibt einige Kameramänner, die vorher hauptsächlich für Nachrichtensender unterwegs waren und auf einmal epische Bilder hinbekommen, die Filmisches versprechen, aber nach dem xten Sonnenaufgang, der xten Zeitrafferaufnahme und beliebigen Wüstenbildern mit Polfilter nicht das Versprochene einlösen können, weil dann doch nicht nur die Technik dazugehört.
Die Frage, wie angemessen die Ästhetisierung der Realität durch geringe Schärfentiefe im Bewegtbildjournalismus ist oder welche Folgen ihr inflationärer Einsatz hat, klingt schon etwas wissenschaftlich, aber an den Antworten wäre ich brennend interessiert. Werden dank der neuen Technik jetzt bessere Geschichten erzählt? Oder landet derselbe Quatsch wie vorher auf YouTube, nur eben mit geringer Schärfentiefe?
Wer in den vergangenen Monaten hin und wieder mein Blog verfolgt hat, wird kaum überlesen haben, dass auch ich sehr fasziniert bin von den gestalterischen Möglichkeiten, die mir die DSLR-Technik eröffnet. Allerdings verbraucht sich das nach und nach und irgendwann haut mich auch der 100ste Philip Bloom-Film nicht mehr vom Hocker, weil mir neben den vielen schönen Bildern einfach die Story fehlt.
Klar, geringe Schärfentiefe kann sehr schön aussehen, ansprechend und edel wirken, den Zuschauer persönlich näher an Protagonisten heranführen und emotional mitreißen. Sie kann aber auch in die Irre leiten, einfach weil durch die permanente Ästhetisierung plötzlich ein Kontext hergestellt wird, der mit der Realität nicht mehr viel zu tun hat.
Was mich als Videojournalist im Berufsalltag fast immer von der verführerischen Arbeit mit der DSLR und der geringen Schärfentiefe abhält, sind ganz pragmatische Gründe. Ich arbeite allein, kümmere mich also um Inhalt, Bild und Ton. Das hat Grenzen, sehr deutliche sogar.
Gerade in Situationen, die schnell ablaufen und schwer vorhersehbar sind, wäre das ständige Nachziehen der Schärfe eine – zumindest für mich – nicht mehr zu bewältigende Zusatzbelastung. Abblenden auf f22 wäre also angesagt, um wieder maximale Schärfentiefe zu haben. Nur was bringt mir dann noch die DSLR außer den ganzen Nachteilen im Vergleich zu einer konventionellen Videokamera?
Schätzen gelernt habe ich die DSLR hingegen bei Interviewaufzeichnungen, wo sich alle Beteiligten irgendwie kontrollierbar verhalten: Der Gesprächspartner sowie ich sitzen jeweils, die Kamera ist fest auf dem Stativ. Neben der Hauptmotivation, nämlich durch die geringe Schärfentiefe eine angemessene persönliche Nähe herzustellen, kann ich nebenbei auch kleinere Fehler kaschieren, also etwa unvorteilhafte Reflektionen im Hintergrund, die durch die Ausleuchtung hervorgerufen werden. In solchen Fällen lohnt sich der Mehraufwand für mich.
“From Still to Motion” ist ein von vorne bis hinten lesenswertes (komplett englischsprachiges) Buch, das ich an dieser Stelle uneingeschränkt weiterempfehlen möchte.
Wie der Titel schon sagt, richtet es sich in erster Linie an Fotografen, die mit ihren HDSLR-Kameras nun auch Videos produzieren möchten. Wer schon seit Jahren mit herkömmlichen Videokameras arbeitet, kann trotzdem bedenkenlos zugreifen – auch wenn dann einige Kapitel (z.B. “The Basics of Video Editing”) vermutlich wenig neue Erkenntnis bringen.
Die Autoren, die zweifelsohne über mehrjährige Praxiserfahrung verfügen, haben das Buch in fünf Teile mit ingesamt 20 Kapiteln gegliedert (einen Gesamtüberblick über den Inhalt gibt’s hier).
In Teil 1 (“A New Way to Tell Stories”) geht’s auf knapp 60 Seiten erstmal um die Basics: Was heißt es, Bilder nicht mehr als Momentaufnahmen zu sehen, sondern als eine Folge von Einstellungen? Wie plane ich einen Dreh? Welche Technik brauche ich? Und was hat es mit den verschiedenen Auflösungen, Bildraten, Seitenverhältnissen und der Komprimierung auf sich?
Im zweiten Teil geht’s ausschließlich ums Licht. Wie leuchte ich eine Szene oder ein Interview aus? Welche verschiedenen Lampentypen gibt es und was ist die Ideallösung für meine Zwecke? Wie arbeite ich mit natürlichem Licht und behalte die Kontrolle? Für Bastler interessant: Auf den Seiten 130/131 gibt’s eine detaillierte Anleitung, wie man sich für wenig Geld eine Softbox-Lampe aus Baumarktmaterial zusammenmontieren kann. Das ganze wird perfekt ergänzt durch ein knapp acht Minuten langes Tutorial-Video auf der beiliegenden DVD.
Apropos DVD: Buch und Datenträger ergänzen sich fast in jedem Kapitel, nicht nur mit hilfreichen Tutorial-Videos, sondern mit allerlei anderen Dokumenten, Listen, Zeichnungen und Übungsmaterial (z.B. kleine Projektdateien für Final Cut Pro). Die DVD ist übersichtlich in Ordner strukturiert, so dass man schnell von den Verweisen im Buch zu den entsprechenden Dateien findet. Insgesamt umfasst die DVD rund sechs Stunden zusätzliches Videomaterial.
Der dritte Teil ist überschrieben mit “Gearing up for Motion and Sound”. Hier werden alle Fragen rund ums ideale Equipment beantwortet, also beispielsweise welche Stative und sonstige Stabilisierungssysteme (Handheld-Rigs, Schwebestative, Slider) es gibt oder welche Linsen sich für allerlei unterschiedliche Anwendungen eignen. Natürlich werden auch die Vor- und Nachteile von externen Monitoren und Sucherlupen erklärt und – nicht zu vergessen – der gesamte Komplex rund um professionelle Soundaufnahme durchgekaut (inkl. Mikrofontypen, manuelle Tonpegelkontrolle, späteres Synchronisieren von Tonspuren).
Teil 4 widmet sich der “Postproduction”, dem Teil also, den erfahrenere Kollegen vermutlich überlesen werden. Für Fotografen, die hingegen ihre ersten Schritte im Bereich Video gehen, ist das Kapitel bestimmt sehr hilfreich: Es geht um die Basics des 3-Punkt-Schnitts, um die Wahl des richtigen Schnittsystems und ums Ausspielen der fertigen Videos für unterschiedliche Medien. Persönlich fand ich den Teil über Farkkorrekturen und wie man dabei – jenseits von Magic Bullet Looks – vorgeht, sehr erkenntnisreich.
“Creative Explorations” heißt der fünfte und letzte Teil, ein netter Bonus. Hier gibt’s einen Ausflug in die Stop-Motion-Technik und es wird – mit ergänzendem Rohmaterial auf der DVD – sehr schön erklärt, wie man eine Timelapse-Animation erstellt.
“From Still to Motion” ist sicher kein Buch, das sich an Journalisten richtet, die mit HDSLR-Kameras Newsbeiträge produzieren wollen. Vielmehr geht es ums szenische Arbeiten. Nichtsdestotrotz ist es ein sehr durchdachtes, im Augenblick hochaktuelles und mit viel Liebe zum Detail gestaltetes Werk.
Klar, es gibt jede Menge Websites zum HDSLR-Thema, wo man sich die vielen technischen Informationen selbst zusammensuchen kann. Oder es gibt auch kompakte Übersichten wie den DSLR Cinematography Guide, der die wesentlichen Fragen schon einmal klärt.
Wer es aber gern logisch aufgebaut und kompakt auf 327 Seiten mit vielen erklärenden Fotos, Abbildungen und ergänzenden Tutorials auf DVD haben will, sollte unbedingt zulangen. Eine Leseprobe des fünften Kapitels (“Playing with the Light – Bringing Your Subject to Life”) bieten die Autoren als PDF-Datei (1,7 MB) an.
Bibliographische Angabe: Ball, James; Carman, Robbie; Gottshalk, Matt; Harrington, Richard: From Still to Motion – A photographer’s guide to creating video with your DSLR. New Riders, Berkeley, 2010. ISBN-13: 978-0-321-70211-1. 327 Seiten inkl. DVD. USD 49,99.
Vor etwa zwei Jahren habe ich mir eine Glidecam Smooth Shooter gekauft – ein Schwebestativ (ähnlich wie die wesentlich bekanntere Steadicam), mit dem man die Kamera weitgehend von Körperbewegungen entkoppeln kann.
Mit viel Übung können Kamerafahrten dann sehr ruhig und fließend aussehen, fast so, als bewege sich die Kamera auf Schienen.
Wie man in diesem Clip (aus 2008 und 2009) deutlich sieht: Viel weiter als über den Anfängerstatus bin ich noch nicht hinaus gekommen. Zwar schaffe ich es, den Horizont in der Waagerechten zu halten, doch die leichten Links-Rechts-Wackler lassen das Ganze noch ein wenig wie Seefahrt aussehen.
Sobald allerdings ein Protagonist im Bild ist, der sich selbst bewegt, fallen diese leichten Wackler kaum noch ins Gewicht.
Um mit der Glidecam vernünftig arbeiten zu können, muss sie zunächst ausbalanciert werden. Das ist zwar nicht kompliziert, erfordert aber einiges an Geduld. Wie das funktioniert, wird im zweiten Teil folgender Video-Serie auf YouTube ganz gut erklärt:
Bei Glidecam-Aufnahmen sollte das Objektiv der Kamera einerseits weitwinklig eingestellt sein (denn je länger die Brennweite, desto deutlicher werden Wackler), andererseits sollten die Bilder so große Schärfentiefe wie möglich aufweisen. Denn Schärfeziehen während einer Fahrt ist so gut wie unmöglich.
Da normale 1/3″-CCD/CMOS-Camcorder bei weitwinkligen Aufnahmen eh alles scharf abbilden, ist es im Prinzip egal, mit welcher Blende man dreht.
Deutlich anspruchsvoller werden Aufnahmen natürlich, wenn man mit selektiver Schärfe arbeiten möchte, also beispielsweise einen Protagonisten verfolgt und ihn scharf abbilden möchte, während der Hintergrund in der Unschärfe liegt.
Das lässt sich einerseits mit einer HDSLR realisieren, andererseits mit einem 35mm-Adapter. Beide Möglichkeiten habe ich einmal ausprobiert.
Als ich vor ein paar Wochen die Canon 550D auf die Glidecam 4000 Pro geschraubt hatte, war meine erste Befürchtung, dass die Kamera viel zu leicht ist und ich das ganze System nicht vernünftig ausbalancieren kann. Daher war klar, dass ich ein möglichst schweres Objektiv sowie ggfs. noch ein wenig Zusatzgewicht anbringen musste.
Erst wollte ich das ganze mit einer 28mm-Nikon-Festbrennweite ausprobieren, da Foto-Zoomobjektive in der Regel länger oder kürzer werden, sobald man die Brennweite verändert. Doch da das Nikon-Objektiv beim Fokussieren ebenfalls seine Länge und damit den gesamten Schwerpunkt der Glidecam-Konstruktion verändert, war die Sache schnell gegessen.
Also habe ich das Tamron 17-50mm-Objektiv genommen und es fest auf 35mm eingestellt (entspricht wegen des APSC-Sensors der 550D also 56mm), das ganze auf eine Baseplate mit 15mm-Rohren montiert und zusätzlich noch – vor allem um das Gewicht zu erhöhen – mit einem Follow Focus versehen.
Mit drei Gegengewichten auf jeder Seite der Glidecam-Basisplatte konnte ich das System anschließend recht brauchbar ausbalancieren, wie im folgenden Video zu sehen ist. Beim Droptime-Test, also dem Pendeln in die Senkrechte, vergingen etwa zweieinhalb Sekunden, was ein guter Wert ist.
Die Aufnahmen habe ich dann fast durchgängig mit einer ambitioniert offenen Blende von f2.8 gemacht. Will heißen: Der Schärfebereich vor dem Objektiv lag – je nach Entfernung zum Objekt – im Zentimeterbereich. Logisch, dass brauchbare Aufnahmen nur in sehr kontrollierbaren Situationen und in Absprache mit dem Protagonisten möglich sind.
Schärfe ziehen ist nur zwischen den Aufnahmen möglich, weil die rechte Hand permanent den Griff der Glidecam hält und Zeigefinger und Daumen der linken Hand mit viel Feingefühl stets den sog. Center Post unter der kardanischen Aufhängung stabilisieren. Während einer Fahrt besteht die Herausforderung also darin, den Abstand zum Protagonisten bzw. bewegten Objekt konstant einzuhalten.
Im vergangenen Winter hatte ich testweise meine Panasonic HPX171 samt dem Letus Extreme 35mm-Adapter, einer 50mm Nikon-Festbrennweite sowie einer GearDear-Mattebox auf das Schwebestativ geschraubt. Im Vergleich zur 550D war hier meine Befürchtung, dass die Kamera viel zu schwer ist, denn die Glidecam 4000 Pro ist normalerweise für ein Kameragewicht von etwa zwei bis fünf Kilogramm ausgelegt.
Natürlich ist völlig utopisch, das Kamera-Rig auf der Glidecam mit einer Hand allein zu führen – das ist viel zu schwer. Schon bei den kompakteren 2- bis 3-Kilo-Setups ermüden die Arme und Schultern (zumindest meine) nach nur wenigen Minuten. Bei schwereren Aufbauten ist der Smooth Shooter absolut unverzichtbar.
Denn dank der Weste samt Federarm wird das gesamte Gewicht gleichmäßig auf den Körper verteilt – in der Theorie und in den Werbeprospekten zumindest. Ich habe nach ca. zehn Minuten meistens trotzdem schon Rückenschmerzen und muss dann die erste Pause einlegen.
Ein paar Worte zum Ausbalancieren: Auf jeder Seite der Glidecam-Basisplatte habe ich neun Gegengewichtsplatten verwendet. Doch weil das allein nicht ausreichte, habe ich zusätzlich auf jeder Seite der Basisplatte noch eine der schwereren Gewichtsplatten angebracht (die schwarzen mit den lauter vorgebohrten Löchern). Mit viel Geduld war das System schließlich im Gleichgewicht und hatte den Droptime-Test bestanden.
Weil der 35mm-Adapter die gesamte Kamera nicht nur schwerer macht, sondern den Schwerpunkt des gesamten Setups recht weit nach vorne verlagert, ist das Ausbalancieren deutlich komplizierter, wie ich finde.
Hier ein paar sehr einfache Aufnahmen, die ein wenig unter dem Wetter gelitten haben. Es war sehr kalt, ich hatte keine Handschuhe dabei, der Schnee war tief und rückwärts laufen war auf dem schneevereisten Rumpelweg einfach kein Vergnügen. Kurzum: Die Aufnahmen wackeln. Wären sie im Sommer entstanden, wäre das natürlich nicht passiert :-)
Sich mit einem Schwebestativsystem zu bewegen, ist eine sportliche und – je nach Wetterlage – schweißtreibende Angelegenheit. Die Körperhaltung sieht eher ungewöhnlich aus: Ich gehe immer leicht in die Knie und mache dann sehr kurze und schnelle Schritte. Je ebener der Untergrund, desto besser.
Bei den Beispielaufnahmen habe ich die Blende des Nikon-Objektivs auf f1.4 gestellt (was eigentlich völlig irrational ist; irgendwas zwischen f3.5 – f5.6 wäre wohl angemessener gewesen). Daher war der Schärfebereich noch dünner als beim Test mit der 550D. In solchen Fällen helfen natürlich sämtliche Formen von Fokus-Assistenten. An der HPX171 habe ich z.B. die Frequenzverteilungskurve schätzen gelernt. Sie zeigt sehr deutlich an, wann das Objekt maximal scharf abgebildet wird.
Glidecam und geringe Schärfentiefe – wofür ist das gut?
Unter bewegtbildgestalterischen Gesichtspunkten gibt es wohl kaum etwas Dramatischeres als eine Kamerafahrt. Der Zuschauer hat das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein, weil er sich durch den Raum bewegt. Mit der Glidecam sehen solche Fahrten natürlich ungleich ansprechender aus als frei aus der Hand gedreht.
Ein sich bewegendes Objekt durch Unschärfe zu isolieren, ist schwierig und erfordert – sicher auch mit viel Übung – mehr als einen Versuch. Wer die Idee hat, eine Reportage mit solcher Technik zu drehen (also keinen Einfluss auf das Geschehen nimmt, mit der Kamera nur begleitet und nichts inszeniert), sollte sich schnell wieder davon verabschieden.
Interview-Formate hingegen können auf diese Weise visuell deutlich ansprechender gestaltet werden. Vor zwei Jahren habe ich dieses Video in der 3sat-Mediathek gesehen (ein Interview mit William Gibson; der interessante Teil fängt ziemlich genau im letzten Fünftel an – leider hat der Videoplayer keinen Timecode). Die Kamera kreist auf einem Schwebestativ ständig um die beiden Gesprächspartner und nur ab und zu wird eine zweite Perspektive, eine statische Halbtotale, gezeigt. Ich weiß noch genau, wie sehr mich diese simple Idee und die gute Umsetzung damals beeindruckt hat.
Kurze Zeit später hatte ich mir dann die Glidecam gekauft.