Zwei Kameras im VJ-Doppel aufeinander abgestimmt

Für unseren 28-minütigen dokumentarischen Kurzeinblick in die möglichen Folgen des Brexit für die Nordsee-Fischerei haben Markus Böhnisch und ich uns zusammen getan. Herausgekommen ist dabei Good bye, fish and chips?, unser erster gemeinsamer Film, für den wir uns beim Auftraggeber 3sat bedanken.

Seeleute auf dem Kutterfisch-Trawler J. v. Cölln bei der Arbeit
Seeleute auf dem Kutterfisch-Trawler J. v. Cölln bereiten das nächtliche Einholen der Netze vor. Videostill aus dem Rohmaterial, gedreht im CINE4-Gamma mit einer 35mm-Festbrennweite und 0.71x-Fokalreduktor.

Diesen Film haben wir als Videojournalisten im Doppel umgesetzt, also beide die Kamera geführt und dabei versucht uns so gut wie möglich zu ergänzen: mal mit zwei Kameras an ein- und denselbem Ort, dann wieder jeder für sich auf eigene Faust. Bei Interviews haben wir uns aufgeteilt in Reporter/Kameramann, bei Luftaufnahmen war der andere gleichzeitig für den anderen Blickwinkel an Land bzw. auf dem Wasser unterwegs.

Da wir beide die Super35-Handkamera FS5 von Sony (siehe Testberichte 1, 2 und 3) nutzen, haben wir vorher versucht, sie möglichst gut aufeinander abzustimmen.

Dreharbeiten in Ramsgate über die Auswirkungen des Brexit für die Fischerei in der Nordsee
Dreharbeiten in Ramsgate. Links der Kleinfischer Steve Barratt, rechts Markus, in der Mitte ich.

Das betrifft einerseits die Bedienbarkeit, die wir über die Belegung der Funktionstasten gezielt beeinflussen können. Weil wir einige Interviews mit zwei Kameras gedreht haben (Halbnah, Groß), musste der eine die Kamera des anderen gelegentlich mal mitbedienen. Das kann den Stresspegel vor Ort erhöhen, vor allem unter Zeitdruck. Identisch belegte Funktionstasten helfen, die Fehlerquote trotzdem gering zu halten.

Andererseits betrifft es den Bildcharakter, der maßgeblich über die hinterlegbaren Bildprofile beeinflusst werden kann. Unsere Aufnahmen sollten bei möglichst identischem Weißabgleich eine gleichartige Anmutung haben. Wir haben uns daher drei verschiedene solcher Profile eingerichtet, zwischen denen wir je nach Lichtbedingungen immer wieder hin- und hergewechselt sind.

Die Bildprofile

Sony nennt sie PICTURE PROFILE und sie sind hinterlegbar auf Speicherplätzen, die PP1, PP2, PP3 usw. heißen und sich leider nicht umbenennen lassen. Wenn man während des Drehs mal schnell zwischen ihnen wechseln muss, sollte man natürlich wissen, was sich hinter PP1 verbirgt. Eselsbrücken helfen beim Erinnern, daher haben wir unter PP1 das CINE1-Gamma im Farbmodus PRO abgespeichert (und uns dabei stark an der Vorlage von Erwin van Dijck orientiert, bei dem wir uns an dieser Stelle für seine mühevolle Testerei bedanken).

Bildprofil hinter PP1 ist CINE1/Pro. Kann man sich ganz gut merken. PP2 ist S-Log2/Pro, PP3 ist S-Log3/S-Gamut3.Cine5500K,

Das Farbprofil eignet sich wunderbar für gut ausgeleuchtete Innenräume wie z. B. auf dem Fischmarkt in Peterhead, etwa zu sehen ab Minute 18 im Film. Tipps dazu: Hauttöne lieber etwas defensiver belichten (Zebra 1 auf 60%), später im Schnitt Höhen, Mitten und Tiefen minimal anpassen, anschließend noch ein klein wenig Sättigung hinzufügen. Beim Weißabgleich vor Ort möglichst genau arbeiten, dazu gern auch eine Graukarte nutzen. +12 dB Gain sind ohne Probleme möglich.

CINE1/PRO-Bildbeispiele der Sony FS5
PP1 (CINE1/PRO) auf dem Fischmarkt in Peterhead.

Unter PP2 haben wir das SLOG2-Gamma abgelegt und es ungewöhnlicherweise mit dem Farbmodus PRO (und nicht – wie üblich – mit S-Gamut/Cine) kombiniert. Das Profil eignet sich ideal für draußen, wenn viel Licht und harte Kontraste im Spiel sind. Sonnige Tage mit hartem Licht hatten wir während unserer Dreharbeiten vor allem in Großbritannien reichlich, dort war SLOG2 sehr nützlich. Tipps: Am besten leicht überbelichten, dabei natürlich auf schützenswerte Lichter achten. Gesichter ebenfalls mit 60% Zebra anmessen. Manueller Weißabgleich so genau wie möglich, idealerweise auf Graukarte. Gain immer auf 0 dB lassen.

SLOG2/PRO-Bildbeispiele der Sony FS5
SLOG2/PRO unter guten Lichtbedingungen. Links: Im Hafen von Ramsgate. Rechts: Im Hafen von Peterhead.

Den Speicherplatz PP3 haben wir nicht genutzt. Dafür aber PP4, wo wir das CINE4-Gamma mit dem Farbmodus PRO abgelegt haben (und uns erneut an der Vorlage von Erwin van Dijck orientiert haben). Dieses Profil spielt seine Stärken bei schwachem Licht aus. Gain kann gern bis +12 dB zugeschaltet werden, ohne dass das Bild sichtbar darunter leidet. Wir haben dieses Profil vor allem nachts auf dem Kutterfisch-Trawler J. v. Cölln verwendet, aber auch, als wir Mark Way beim Zubereiten von Fish and Chips (mit Kabeljau) in seiner Küche über die Schulter geschaut haben.

PP4 (CINE4/PRO) in der praktischen Anwendung. Links: Auf der J.v.Cölln. Rechts: In der Küche von Mark Way.

Nachdem wir die Bildprofile eingerichtet hatten, ging’s darum, die Kamera möglichst intuitiv bedienbar zu machen. Das ist sie eigentlich sowieso schon: sehr kompakt, vergleichsweise leicht und ergonomisch ziemlich durchdacht – ideal für Videojournalismus, wenn es denn unbedingt im Super35-Format sein muss.

Die Funktionstasten

fn1, fn2 und fn3 an der linken Seite für Funktionen, die kurz vor der Aufnahme noch schnell gemacht werden können

Die FS5 verfügt über insgesamt sechs frei belegbare Funktionstasten. Drei davon befinden sich an der linken Seite, die anderen drei am Handgriff.

Da die linke Hand während der Aufnahme meistens am Objektiv ist, haben wir an der linken Kameraseite Funktionen abgelegt, die man in der Regel vor der Aufnahme einstellt und währenddessen nicht mehr ändert. Auf Funktionstaste 1 liegt beispielsweise das Zebra.

Momentaufnahme: Funktionstastenbelegung an der Sony FS5 am Ende unserer Dreharbeiten

fn1: ZEBRA

Das Zebra ist ein zweistufiger Belichtungsmesser. ZEBRA1 steht auf 60% und eignet sich, um Hauttöne anzumessen. ZEBRA2 dient mit seinen 105% als Überbelichtungsschutz. Tipp: Beim Anmessen von Hauttönen immer von der dunklen Seite kommen und sukzessive mehr Licht geben. Dank des engen Fensters von 2% schlägt ZEBRA1 bereits bei 58% an, verschwindet aber bei 62% schon wieder. Die Belichtung ist gut, wenn das Zebra-Muster das erste Mal an der hellsten Stelle des gleichmäßig ausgeleuchten Gesichts erscheint.

Diese Zebra-Einstellungen passen auch gut zu unseren drei Bildprofilen. Bei CINE1 und CINE4 (also PP1 und PP4) liegen die Hauttöne mit 60% Zebra direkt im Zielbereich und müssen später im Schnitt nur wenig nachbearbeitet werden. Auch in SLOG2 (also PP2) lässt sich ein Gesicht verlässlich mit 60% anmessen. Es ist dann zwar leicht überbelichtet, was später natürlich korrigiert werden muss. Aber SLOG2 etwas offensiver zu belichten ist generell von Vorteil, da sich die Aufnahme dadurch später rauschfrei nachbearbeiten lässt. (Warum, ist hier ganz gut erklärt.)

Zebra-Einstellungen, die ganz gut zusammenpassen, wenn man zwischen Cine1, Cine4 und S-Log2 hin- und herspringt

Auch ZEBRA2 auf 105% (höher geht nicht) passt zu allen drei Bildprofilen. Sowohl CINE1 und CINE4 als auch SLOG2 – alle Gammas zeichnen zwischen 0 und 109 IRE auf.

fn2: PICTURE PROFILE

Wir wussten, dass wir mit oft wechselnden Lichtbedingungen zu tun haben werden, also immer wieder das Bildprofil wechseln müssen. Daher passt PICTURE PROFILE gut zu PP2. Mit fn2 landet man also sofort in der Bildprofil-Übersicht. Das spart in der Anwendung unter Umständen wertvolle Zeit. Denn ohne Funktionstaste müsste man den Weg über den Menü-Button an der Seite gehen und ab dort der Logik einer Sony-Menüstruktur folgen, was im direkten Vergleich zwei bis drei Sekunden länger dauert.

fn3: STATUS CHECK (AUDIO)

Ein Druck auf Funktionstaste 3 und auf dem LCD erscheint der Audio-Teil der FS5 im Überblick:

Sony FS5 fn3: Tonpegelmesser in XL, dazu Infos zum Routing der Tonkanäle

Oben die Pegelmesser mit Skala, darunter welcher XLR-Input mit welchem Audio-Kanal verbunden ist, ganz unten welchen dieser Kanäle der Kopfhörer wiedergibt. CH1 empfängt das Signal von INPUT1, an der hinteren Seite der Kamera als XLR-Anschluss gelegen, daran angeschlossen ein kurzes Richtmikrofon mit Nierencharakteristik. Damit nehmen wir die Atmo auf und können auf kurze Distanz auch Dialog aufzeichnen.

CH2 ist der Audio-Kanal für Interviews und O-Töne. Er empfängt das Signal von INPUT2, als XLR-Anschluss vorn am Handgriff der Kamera gelegen. Daran hängt ein kompakter Empfänger für die Funkstrecke, der sensitiv auf die zugeschaltete 48V-Phantomspeisung reagiert. Schaltet man die Kamera ab, geht auch der Empfänger aus. Das ist praktisch und hilft Strom sparen, denn der Akku des Empfängers hält im Dauerbetrieb ungefähr für etwa vier Stunden, bevor er via USB wieder geladen oder gegen einen anderen ausgetauscht werden muss.

Beide Tonkanäle haben wir manuell ausgesteuert und den bei -6 dBFS einsetzenden Limiter permanent aktiviert. Leider lässt er sich nur für beide Tonkanäle gleichzeitig an- oder abschalten, nicht jedoch einzeln. Wäre das möglich, hätten wir CH2 ohne Limiter genutzt, da der Automatismus der AVX-Funkstrecke nicht darauf angewiesen ist und das Tonsignal selbst viel feinfühliger begrenzt.

fn4: DISPLAY

Das Display ist voll von Informationen, die manchmal ein wenig die Sicht aufs Motiv versperren können. Einmaliger Druck auf fn4 bewirkt, dass die oberen Display-Infos (bis auf STBY/REC) verschwinden, zweimaliger Druck blendet auch die Infos der unteren Bildschirmhälfte aus. Beim dritten Mal sind dann alle Infos wieder da. Natürlich geht das auch während einer laufenden Aufnahme.

Sony FS5 fn5 DIRECT und fn4 DISPLAY

Zwar befindet sich eine nicht umprogrammierbare Display-Taste auch links an der Kamera, doch während das Auge am Sucher ist, lässt sie sich nur schwer ertasten. Mit fn4 direkt oberhalb des Blendenrades geht das ohne Absetzen und ohne Wackler.

fn5: DIRECT

Blendet die untere hervorgehobene Info-Leiste mit Blende, Gain, Shutter und Weißabgleich ein. Mit dem Joystick direkt neben fn5 am Handgriff kann man hin- und herspringen und so bspw. den Gain in 3dB-Schritten steuern. Hinter OFF(0EV) verbirgt sich übrigens das automatische ND-Filter, das bei ausreichend Licht stufenlos die Belichtung reguliert, ohne dabei Blende, Gain und Shutter zu verstellen. Wir haben diese Funktion zwar nicht genutzt, aber damit können brauchbare Übergänge von drinnen nach draußen bzw. umgekehrt realisiert werden. Wie man dieses nützliche Tool außerdem noch anwenden kann, beschreibt Dan McComb in seinem Blog.

fn6: CENTER SCAN

Die Sony FS5 kann zwar auch 4K, aber eigentlich nicht so gut. Dafür ist sie eine wirklich gute HD-Kamera, die von ihren grundsätzlichen 4K-Fähigkeiten profitiert. CENTER SCAN ist eine dieser Funktionen.

Sony FS5 fn6: Bildausschnitt in HD durch Reinsprung in den 4K-Sensor

Bei Druck auf Funktionstaste 6 an der Innenseite des Handgriffs (über den Ringfinger ertastbar) wird der Bildausschnitt vergrößert. Technisch gesehen wird jetzt nur noch der mittlere Teil des 4K-Sensors genutzt, und zwar in voller HD-Qualität (Crop Mode). Praktisch gesehen heißt das: Aus einem Objektiv werden zwei. Vereinfacht dargestellt funktioniert das ganze wie ein Brennweitenverdoppler, natürlich nur digital und nicht optisch. Die Qualität ist gut, man kann in den beiden CINE-Gammas (PP1 und PP4) ohne Bedenken sogar bis zu +12dB Gain hinzufügen.

Nachts auf dem Kutterfisch-Trawler, als die Seeleute die Netze einholten, habe ich mit einer 35mm-Festbrennweite (und 0,71x-Fokalreduktor) gedreht und versucht, möglichst nah ans Geschehen heranzukommen. In manchen Situationen war es hilfreich, kurz einmal etwas größer hervorzuheben, etwa arbeitende Hände oder Gesichter.

CENTER SCAN lässt sich leider nur zwischen den Aufnahmen aktivieren. In der Praxis heißt das: Aufnahme unterbrechen, fn6 drücken, Aufnahme wieder starten. Mit etwas Pech fehlen dann genau die entscheidenden Sekunden.

Und was ist mit Focus Peaking?

Es zeichnet auf dem LCD-Display bzw. im Sucher die Kanten von Objekten nach, die in der Schärfe liegen. Eine unverzichtbare Hilfe fürs manuelle Fokussieren, die in CINE1 und CINE4 generell besser funktioniert als im sehr kontrastarmen SLOG2. Wir haben das Focus Peaking immer angelassen und mussten daher auch keine Funktionstaste dafür opfern.

Folgende Voreinstellungen haben für uns gut funktioniert:

Voreinstellungen für das Fokus-Peaking der Sony FS5

Fazit

Diese Settings haben uns technisch eigentlich recht sicher durch die insgesamt 12 veranschlagten Drehtage geführt. Unter Mischlichtbedingungen waren die Ergebnisse unserer Weißabgleiche zwar manchmal etwas abenteuerlich, nach erneutem Versuch und Einsatz von Graukarten aber in den Griff zu kriegen.

Wichtig war uns, das gesamte Kamera-Setup so kompakt wie möglich zu halten, einerseits weil wir überwiegend mit Bahn oder Flugzeug gereist sind, andererseits weil wir uns mit kleiner Kamera den Situationen viel besser anpassen konnten. Zum Beispiel auf der J. v. Cölln: Auf hoher See schaukelt es permanent ganz schön. Immer wieder haben wir dort Einstellungen mit nur einer Hand gedreht, während wir uns mit der anderen irgendwo festgehalten haben. Die FS5 ist für solche Szenarien genau das richtige Werkzeug.

Wie gut eignet sich das VideoMic Me-L am iPhone 7 für Interviews?

Rode VideoMic ME-L mit Windschutz am iPhone 7

Als der australische Mikrofonhersteller Røde vor einigen Monaten eine Neuauflage seines VideoMic Me angekündigt hatte, war ich sehr gespannt darauf, wie gut es sich wohl als schnelle und unkomplizierte Immer-dabei-Lösung für Interviews eignen könnte.

Das alte VideoMic Me hatte mich nie wirklich überzeugt: Es ist mit einem analogen 3.5mm-Klinkenanschluss ausgestattet und daher komplett auf die interne Hardware des iPhones angewiesen, um das analoge Tonsignal in digitale Daten zu wandeln. Diesen Job übernehmen die sog. A/D-Wandler – und die rauschen beim iPhone leider recht stark, was kein Wunder ist, da es sich um ziemlich billige Technik für den Massenmarkt handelt (zumindest ist das so bei meinem iPhone 7, mit dem ich auch sämtliche Tests hier gemacht habe). Das Ergebnis mit dem VideoMic Me waren häufig Aufnahmen, die sich qualitativ kaum von denen der internen Smartphone-Mikros unterscheiden.

Beim VideoMic Me-L ist das anders. Statt analoger Miniklinke ist das Mikrofon mit einem digitalen Lightning-Anschluss ausgestattet und passt somit zu allen iPhones ab Version 5. Außerdem bringt es seine ganz eigenen Audiowandler mit, das heißt: Die gesamte Signalverarbeitung findet im Mikrofon statt, die billigen iPhone-eigenen A/D-Wandler werden komplett umgangen.

Rode VideoMic ME-L mit Lightning-Anschluss
Der Lightning-Anschluss ist praktisch, doch wie lange noch? Ob Apples künftige iPhones stattdessen mit einer USB-C-Schnittstelle ausgestattet werden, bleibt Spekulation.

Wie das Vorgänger-Modell weist das VideoMic Me-L dank der Nierencharakteristik eine leichte Richtwirkung auf, ideal also für Interviewpartner, die direkt vor der Kamera stehen. Und natürlich genauso gut geeignet für Reporter oder Blogger, die sich mit der rückwärtigen Kamera selbst filmen, denn das Mikrofon lässt sich natürlich auch in die andere Richtung aufstecken.

Die größten Vorteile gegenüber den internen Mikrofonen hat das VideoMic Me-L auf jeden Fall draußen, am ehesten noch bei leichtem bis mittlerem Wind – natürlich nur, wenn man gleichzeitig den Windschutz einsetzt. Dann sind auf kurze Distanz relativ klare und gerichtete Aufnahmen mit beeindruckender Stimmpräsenz möglich, bei denen die internen Mikrofone längst vor den starken Windgeräuschen kapituliert hätten.

Rode VideoMic ME-L ohne Windschutz am iPhone 7
Das nur 28 Gramm leichte VideoMic Me-L sitzt dank zusätzlich stabilisierender Klemme sicher am Lightning-Anschluss.

Ohne Windschutz ist das VideoMic Me-L in solchen Situationen allerdings überhaupt nicht zu gebrauchen, da es sich extrem anfällig bereits gegenüber leichtem Wind zeigt.

So hört sich das VideoMic Me-L an, wenn man es ohne Fellwindschutz bei leichtem Wind verwendet. (Vorsicht: laut!)

Mit meinem Arbeitspartner und gutem Freund Markus Böhnisch habe ich ein kurzes Test-Interview draußen bei leichtem Wind aufgezeichnet. Darin spricht er über seine Trainertätigkeit für die Deutsche Welle Akademie in Simbabwe.

Ziel bei einer Interview-Aufnahme ist für mich grundsätzlich, dass das Sprachsignal in den Spitzen möglichst im Zielkorridor zwischen -15 und -9 dBFS landet. Später in der Postproduktion hebe ich es in der Regel noch einmal an. Bei Webvideos strebe ich einen Spitzenpegel von -6 dBFS an, bei TV-Beiträgen richte ich mich nach den Vorgaben des Senders (z.B. -9 dBFS). Je rauschfreier die Aufnahme ist, desto mehr Spielraum besteht für die nachträgliche Verstärkung.

Das Interview haben wir in einer typischen, aber unter akustischen Gesichtspunkten sicher nicht idealen Umgebung am Altonaer Fischmarkt aufgezeichnet. Ewa 300 Meter im Hintergrund befand sich ein Container-Verladeterminal, dessen Lärm logischerweise konstant gut hörbar ist.

Ob der angestrebte Zielkorridor erreicht wird, lässt sich mit Hilfe des sehr präzisen Tonpegelmessers der empfehlenswerten App Mavis gut beurteilen. Um annähernd dahinzukommen, habe ich die manuelle Tonverstärkung in Mavis, die direkt auf die A/D-Wandler des VideoMic Me-L zugreift, maximal aussteuern müssen. Der Abstand zu meinem Interviewpartner betrug etwa 70 cm.

Zum Vergleich habe ich jeweils eine Aufnahme mit und ohne Windschutz gemacht sowie eine weitere mit dem internen Mikrofon des iPhone 7, das sich direkt neben dem Objektiv befindet. Da sich das interne Mikrofon in Mavis nicht manuell aussteuern lässt, habe ich für diese Aufnahme die Tonautomatik genutzt.

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Video-Link: https://vimeo.com/304369778

Deutlich wird, dass das Mikrofon nicht die richtige Wahl ist, wenn man die eigenen Fragen in gut hörbarer Qualität im späteren Videobeitrag verwenden will. Für solche Zwecke sind die internen Mikros des iPhone 7 wegen ihrer omnidirektionalen Wirkung einfach besser geeignet. Wer allerdings nur die Antworten des Interviewpartners verwendet, holt eine deutlich bessere Sprachqualität heraus, vor allem bei Wind oder – dank der Richtwirkung – in Umgebungen, wo ein gewisser Lärmpegel herrscht (z.B. Stimmenwirrwarr auf Messen, Demonstrationen, Sportveranstaltungen etc.).

Maximaler Gain in der iOS-App MAVIS mit dem Rode VideoMic Me-L
Den Gain in der App Mavis sollte man auf jeden Fall auf Maximum stellen.

Da jede Aufnahme – egal wie gut die Qualität ist – von einem Grundrauschen überlagert wird, steht natürlich die Frage im Raum, ob die eigenen A/D-Wandler des VideoMic Me-L besser (also rauschfreier) sind als die des iPhone 7. In einem absolut stillen Raum habe ich daher einige Vergleichsaufnahmen gemacht. Dabei kam heraus, dass der Rauschteppich des VideoMic Me-L bei maximaler Verstärkung in Mavis bei etwa -58 dBFS liegt. Das ist ein sehr guter Wert, aber Vorsicht: Meine Messmethode war alles andere als wissenschaftlich genau. Zum Vergleich: Das Grundrauschen des internen iPhone 7-Mikrofons neben dem vorderen Objektiv liegt bei automatischem Gain in Mavis unter identischen Testbedingungen bei -52 dBFS. Somit ergeben sich beim VideoMic Me-L 6 dB mehr Spielraum für die nachträgliche Verstärkung gegenüber dem internen Mikrofon.

Übrigens, eine interessante Beobachtung am Rande: Denselben Test habe ich auch mit der für iOS wohl populärsten Videokamera-App Filmic Pro gemacht. Warum auch immer, aber hier lag der Rauschteppich bei ebenfalls maximaler manueller Aussteuerung des VideoMic Me-L bei nicht ganz so guten -52 dBFS. Beim internen Mikro und automatischer Aussteuerung war das Grundrauschen hingegen nahezu identisch zur Mavis-Aufnahme.

VideoMic ME-L mit in Ear-Kopfhörer an einem iPhone7, im MAVIS-Menü ist der Kopfhörer ausgeschaltet
Kleiner Tipp am Rande: Wer den Ton während der Aufnahme mit einem Kopfhörer kontrollieren möchte, sollte in der App Mavis vorher das Audio-Monitoring ausschalten. Klingt unlogisch, ist aber so. Sonst hört man ein Echo. Kann sein, dass dieses Feature in künftigen Versionen deaktiviert wird, aber in Version 5.0.5 (816) war es noch an Bord.

An der Rückseite des Mikros befindet sich ein 3.5mm-Klinkenanschluss für einen Kopfhörer – eigentlich ideal, um das Interview abzuhören und ggfs. auf Störgeräusche reagieren zu können. Nur leider ist das Signal auf dem Kopfhörer so leise, dass es unter realistischen Arbeitsbedingungen fast schon wieder nutzlos ist.

Rode VideoMic ME-L mit Windschutz und Kopfhörern am iPhone 7
An der Rückseite kann ein Kopfhörer angeschlossen werden.

Getestet habe ich es mit verschiedenen Kopfhöreren, z.B. dem In-Ear-Kopfhörer Mee Audio M6 Pro 2 (16 Ohm), dem geschlossenen Sennheiser HD 280 pro (64 Ohm), dem geschlossenen Sennheiser HD 25-1 II (70 Ohm) sowie dem geschlossenen Beyerdynamic DT 770 Pro (80 Ohm). Ob sich der Kopfhörer-Ausgang des VideoMic Me-L in Kombination mit neueren iPhone-Modellen anders verhält, kann ich nicht beurteilen.

Wer das VideoMic Me-L allerdings für eigene Beitragsvertonungen nutzen möchte und sich in einen ruhigen Raum zurückzieht, um dann aus möglichst kurzer Distanz auf das Mikrofon zu sprechen, wird mit dem Kopfhörer-Ton durchaus arbeiten können.

Fazit: Das VideoMic Me-L ist eine gute und vor allem kompakte und unkomplizierte Lösung für alle, die mit dem iPhone Interview-Statements für ihre Beiträge aufzeichnen wollen und nah genug an ihre Gesprächspartner herankommen. Vorausgesetzt man nutzt den Windschutz, ist das Mikro vor allem draußen ein wirklicher Gewinn. Wer seine Interviews hauptsächlich drinnen unter guten akustischen Rahmenbedingungen führt, wird den kleinen Unterschied zu den internen iPhone-Mikros kaum vor dem Kaufpreis rechtfertigen können.

Wie präzise ist der MAVIS-Tonpegelmesser?

Die Videokamera-App MAVIS für iOS hat mich ziemlich überzeugt: Zurückhaltendes Interface und Messinstrumente für Bild und Ton, auf die man sich ganz offensichtlich verlassen kann. Einen ausführlichen Test der App habe ich auf onlinejournalismus.de veröffentlicht.

Das Interface der Videokamera-App MAVIS
Das Interface der Videokamera-App MAVIS bietet alles, was man von professionellen Videokameras kennt: Waveform-Monitor, Vectorscope, Zebra, False Color, Focus Peaking, Tonpegelmesser.

Für den Testbericht hat mich u.a. interessiert, wie verlässlich der Tonpegelmesser ist. Denn das Pendant in der Alternativ-App FiLMiC Pro ist wirklich enttäuschend, da nicht einmal eine Skala eingezeichnet ist und das Aussteuern bei mir irgendwie immer nach Gefühl erfolgte. Die Folge waren gelegentlich über- oder untersteuerte Tonaufnahmen.

Der Tonpegelmesser in MAVIS hingegen sieht so aus, wie man sich das wünscht: Eine dBFS-Skala von -∞ bis 0 mit wichtigen Markierungen bei -20, -12 und -6 dBFS.

Um zu überprüfen, wie genau die Anzeige tatsächlich ist, habe ich über einen Fieldrecorder einen 1 kHz-Sinuston ins iPhone eingespeist (und zwar über den Umweg einer Audio-Funkstrecke) und mit MAVIS verschiedene Clips aufgezeichnet. Dabei habe ich den Fieldrecorder unterschiedlich stark ausgesteuert und das Signal mit -3, -6, -9, -20, -40 und -50 dBFS ans iPhone bzw. MAVIS übergeben.

Einen Sinuston vom Fieldrecorder via Funkstrecke ins iPhone übertragen
Etwas ungewöhnliche Konstruktion, erfüllt aber ihren Zweck. Über den Fieldrecorder lässt sich die Lautheit des Signals steuern und in MAVIS wiederum ablesen, wie stark das Signal ankommt.

Anschließend habe ich die Clips in Final Cut Pro X importiert und überprüft, ob das, was MAVIS jeweils angezeigt hat, auch stimmt. Das Ergebnis: 100% Übereinstimmung zwischen den Tonpegelmessern in MAVIS und in Final Cut Pro X.

Will heißen: Wer beispielsweise Interviews mit dem iPhone und MAVIS aufzeichnet und dazu ein externes Mikrofon verwendet, kann den Ton absolut verlässlich auf die empfohlenen Pegel zwischen -12 und -6 dBFS in den Spitzen aussteuern. Das funktioniert deutlich besser als mit FiLMiC Pro.

Übrigens: Die anderen Tools in MAVIS zur Belichtungs- und Schärfemessung sind ähnlich verlässlich.