Zwei Kameras im VJ-Doppel aufeinander abgestimmt

Für unseren 28-minütigen dokumentarischen Kurzeinblick in die möglichen Folgen des Brexit für die Nordsee-Fischerei haben Markus Böhnisch und ich uns zusammen getan. Herausgekommen ist dabei Good bye, fish and chips?, unser erster gemeinsamer Film, für den wir uns beim Auftraggeber 3sat bedanken.

Seeleute auf dem Kutterfisch-Trawler J. v. Cölln bei der Arbeit
Seeleute auf dem Kutterfisch-Trawler J. v. Cölln bereiten das nächtliche Einholen der Netze vor. Videostill aus dem Rohmaterial, gedreht im CINE4-Gamma mit einer 35mm-Festbrennweite und 0.71x-Fokalreduktor.

Diesen Film haben wir als Videojournalisten im Doppel umgesetzt, also beide die Kamera geführt und dabei versucht uns so gut wie möglich zu ergänzen: mal mit zwei Kameras an ein- und denselbem Ort, dann wieder jeder für sich auf eigene Faust. Bei Interviews haben wir uns aufgeteilt in Reporter/Kameramann, bei Luftaufnahmen war der andere gleichzeitig für den anderen Blickwinkel an Land bzw. auf dem Wasser unterwegs.

Da wir beide die Super35-Handkamera FS5 von Sony (siehe Testberichte 1, 2 und 3) nutzen, haben wir vorher versucht, sie möglichst gut aufeinander abzustimmen.

Dreharbeiten in Ramsgate über die Auswirkungen des Brexit für die Fischerei in der Nordsee
Dreharbeiten in Ramsgate. Links der Kleinfischer Steve Barratt, rechts Markus, in der Mitte ich.

Das betrifft einerseits die Bedienbarkeit, die wir über die Belegung der Funktionstasten gezielt beeinflussen können. Weil wir einige Interviews mit zwei Kameras gedreht haben (Halbnah, Groß), musste der eine die Kamera des anderen gelegentlich mal mitbedienen. Das kann den Stresspegel vor Ort erhöhen, vor allem unter Zeitdruck. Identisch belegte Funktionstasten helfen, die Fehlerquote trotzdem gering zu halten.

Andererseits betrifft es den Bildcharakter, der maßgeblich über die hinterlegbaren Bildprofile beeinflusst werden kann. Unsere Aufnahmen sollten bei möglichst identischem Weißabgleich eine gleichartige Anmutung haben. Wir haben uns daher drei verschiedene solcher Profile eingerichtet, zwischen denen wir je nach Lichtbedingungen immer wieder hin- und hergewechselt sind.

Die Bildprofile

Sony nennt sie PICTURE PROFILE und sie sind hinterlegbar auf Speicherplätzen, die PP1, PP2, PP3 usw. heißen und sich leider nicht umbenennen lassen. Wenn man während des Drehs mal schnell zwischen ihnen wechseln muss, sollte man natürlich wissen, was sich hinter PP1 verbirgt. Eselsbrücken helfen beim Erinnern, daher haben wir unter PP1 das CINE1-Gamma im Farbmodus PRO abgespeichert (und uns dabei stark an der Vorlage von Erwin van Dijck orientiert, bei dem wir uns an dieser Stelle für seine mühevolle Testerei bedanken).

Bildprofil hinter PP1 ist CINE1/Pro. Kann man sich ganz gut merken. PP2 ist S-Log2/Pro, PP3 ist S-Log3/S-Gamut3.Cine5500K,

Das Farbprofil eignet sich wunderbar für gut ausgeleuchtete Innenräume wie z. B. auf dem Fischmarkt in Peterhead, zu sehen ab etwa Minute 18 im Film. Tipps dazu: Hauttöne lieber etwas defensiver belichten (Zebra 1 auf 60%), später im Schnitt Höhen, Mitten und Tiefen minimal anpassen, anschließend noch ein klein wenig Sättigung hinzufügen. Beim Weißabgleich vor Ort möglichst genau arbeiten, dazu gern auch eine Graukarte nutzen. +12 dB Gain sind ohne Probleme möglich.

CINE1/PRO-Bildbeispiele der Sony FS5
PP1 (CINE1/PRO) auf dem Fischmarkt in Peterhead.

Unter PP2 haben wir das SLOG2-Gamma abgelegt und es ungewöhnlicherweise mit dem Farbmodus PRO (und nicht – wie üblich – mit S-Gamut/Cine) kombiniert. Das Profil eignet sich ideal für draußen, wenn viel Licht und harte Kontraste im Spiel sind. Sonnige Tage mit hartem Licht hatten wir während unserer Dreharbeiten vor allem in Großbritannien reichlich, dort war SLOG2 sehr nützlich. Tipps: Am besten leicht überbelichten, dabei natürlich auf schützenswerte Lichter achten. Gesichter ebenfalls mit 60% Zebra anmessen. Manueller Weißabgleich so genau wie möglich, idealerweise auf Graukarte. Gain möglichst immer auf 0 dB lassen.

SLOG2/PRO-Bildbeispiele der Sony FS5
SLOG2/PRO unter guten Lichtbedingungen. Links: Im Hafen von Ramsgate. Rechts: Im Hafen von Peterhead.

Den Speicherplatz PP3 haben wir nicht genutzt. Dafür aber PP4, wo wir das CINE4-Gamma mit dem Farbmodus PRO abgelegt haben (und uns erneut an der Vorlage von Erwin van Dijck orientiert haben). Dieses Profil spielt seine Stärken bei schwachem Licht aus. Gain kann gern bis +12 dB zugeschaltet werden, ohne dass das Bild sichtbar darunter leidet. Wir haben dieses Profil vor allem nachts auf dem Kutterfisch-Trawler J. v. Cölln verwendet, aber auch, als wir Mark Way beim Zubereiten von Fish and Chips (mit Kabeljau) in seiner Küche über die Schulter geschaut haben.

PP4 (CINE4/PRO) in der praktischen Anwendung. Links: Auf der J.v.Cölln. Rechts: In der Küche von Mark Way.

Nachdem wir die Bildprofile eingerichtet hatten, ging’s darum, die Kamera möglichst intuitiv bedienbar zu machen. Das ist sie eigentlich sowieso schon: sehr kompakt, vergleichsweise leicht und ergonomisch ziemlich durchdacht – ideal für Videojournalismus, wenn es denn unbedingt im Super35-Format sein muss.

Die Funktionstasten

fn1, fn2 und fn3 an der linken Seite für Funktionen, die kurz vor der Aufnahme noch schnell gemacht werden können

Die FS5 verfügt über insgesamt sechs frei belegbare Funktionstasten. Drei davon befinden sich an der linken Seite, die anderen drei am Handgriff.

Da die linke Hand während der Aufnahme meistens am Objektiv ist, haben wir an der linken Kameraseite Funktionen abgelegt, die man in der Regel vor der Aufnahme einstellt und währenddessen nicht mehr ändert. Auf Funktionstaste 1 liegt beispielsweise das Zebra.

Momentaufnahme: Funktionstastenbelegung an der Sony FS5 am Ende unserer Dreharbeiten

fn1: ZEBRA

Das Zebra ist ein zweistufiger Belichtungsmesser. ZEBRA1 steht auf 60% und eignet sich, um Hauttöne anzumessen. ZEBRA2 dient mit seinen 105% als Überbelichtungsschutz. Tipp: Beim Anmessen von Hauttönen immer von der dunklen Seite kommen und sukzessive mehr Licht geben. Dank des engen Fensters von 2% schlägt ZEBRA1 bereits bei 58% an, verschwindet aber bei 62% schon wieder. Die Belichtung ist gut, wenn das Zebra-Muster das erste Mal an der hellsten Stelle des gleichmäßig ausgeleuchten Gesichts erscheint.

Diese Zebra-Einstellungen passen auch gut zu unseren drei Bildprofilen. Bei CINE1 und CINE4 (also PP1 und PP4) liegen die Hauttöne mit 60% Zebra direkt im Zielbereich und müssen später im Schnitt nur wenig nachbearbeitet werden. Auch in SLOG2 (also PP2) lässt sich ein Gesicht verlässlich mit 60% anmessen. Es ist dann zwar leicht überbelichtet, was später natürlich korrigiert werden muss. Aber SLOG2 etwas offensiver zu belichten ist generell von Vorteil, da sich die Aufnahme dadurch später rauschfrei nachbearbeiten lässt. (Warum, ist hier ganz gut erklärt.)

Zebra-Einstellungen, die ganz gut zusammenpassen, wenn man zwischen Cine1, Cine4 und S-Log2 hin- und herspringt

Auch ZEBRA2 auf 105% (höher geht nicht) passt zu allen drei Bildprofilen. Sowohl CINE1 und CINE4 als auch SLOG2 – alle Gammas zeichnen zwischen 0 und 109 IRE auf.

fn2: PICTURE PROFILE

Wir wussten, dass wir mit oft wechselnden Lichtbedingungen zu tun haben werden, also immer wieder das Bildprofil wechseln müssen. Daher passt PICTURE PROFILE gut zu PP2. Mit fn2 landet man also sofort in der Bildprofil-Übersicht. Das spart in der Anwendung unter Umständen wertvolle Zeit. Denn ohne Funktionstaste müsste man den Weg über den Menü-Button an der Seite gehen und ab dort der Logik einer Sony-Menüstruktur folgen, was im direkten Vergleich zwei bis drei Sekunden länger dauert.

fn3: STATUS CHECK (AUDIO)

Ein Druck auf Funktionstaste 3 und auf dem LCD erscheint der Audio-Teil der FS5 im Überblick:

Sony FS5 fn3: Tonpegelmesser in XL, dazu Infos zum Routing der Tonkanäle

Oben die Pegelmesser mit Skala, darunter welcher XLR-Input mit welchem Audio-Kanal verbunden ist, ganz unten welchen dieser Kanäle der Kopfhörer wiedergibt. CH1 empfängt das Signal von INPUT1, an der hinteren Seite der Kamera als XLR-Anschluss gelegen, daran angeschlossen ein kurzes Richtmikrofon mit Nierencharakteristik. Damit nehmen wir die Atmo auf und können auf kurze Distanz auch Dialog aufzeichnen.

CH2 ist der Audio-Kanal für Interviews und O-Töne. Er empfängt das Signal von INPUT2, als XLR-Anschluss vorn am Handgriff der Kamera gelegen. Daran hängt ein kompakter Empfänger für die Funkstrecke, der sensitiv auf die zugeschaltete 48V-Phantomspeisung reagiert. Schaltet man die Kamera ab, geht auch der Empfänger aus. Das ist praktisch und hilft Strom sparen, denn der Akku des Empfängers hält im Dauerbetrieb ungefähr für etwa vier Stunden, bevor er via USB wieder geladen oder gegen einen anderen ausgetauscht werden muss.

Beide Tonkanäle haben wir manuell ausgesteuert und den bei -6 dBFS einsetzenden Limiter permanent aktiviert. Leider lässt er sich nur für beide Tonkanäle gleichzeitig an- oder abschalten, nicht jedoch einzeln. Wäre das möglich, hätten wir CH2 ohne Limiter genutzt, da der Automatismus der AVX-Funkstrecke nicht darauf angewiesen ist und das Tonsignal selbst viel feinfühliger begrenzt.

fn4: DISPLAY

Das Display ist voll von Informationen, die manchmal ein wenig die Sicht aufs Motiv versperren können. Einmaliger Druck auf fn4 bewirkt, dass die oberen Display-Infos (bis auf STBY/REC) verschwinden, zweimaliger Druck blendet auch die Infos der unteren Bildschirmhälfte aus. Beim dritten Mal sind dann alle Infos wieder da. Natürlich geht das auch während einer laufenden Aufnahme.

Sony FS5 fn5 DIRECT und fn4 DISPLAY

Zwar befindet sich eine nicht umprogrammierbare Display-Taste auch links an der Kamera, doch während das Auge am Sucher ist, lässt sie sich nur schwer ertasten. Mit fn4 direkt oberhalb des Blendenrades geht das ohne Absetzen und ohne Wackler.

fn5: DIRECT

Blendet die untere hervorgehobene Info-Leiste mit Blende, Gain, Shutter und Weißabgleich ein. Mit dem Joystick direkt neben fn5 am Handgriff kann man hin- und herspringen und so bspw. den Gain in 3dB-Schritten steuern. Hinter OFF(0EV) verbirgt sich übrigens das automatische ND-Filter, das bei ausreichend Licht stufenlos die Belichtung reguliert, ohne dabei Blende, Gain und Shutter zu verstellen. Wir haben diese Funktion zwar nicht genutzt, aber damit können brauchbare Übergänge von drinnen nach draußen bzw. umgekehrt realisiert werden. Wie man dieses nützliche Tool außerdem noch anwenden kann, beschreibt Dan McComb in seinem Blog.

fn6: CENTER SCAN

Die Sony FS5 kann zwar auch 4K, aber eigentlich nicht so gut. Dafür ist sie eine wirklich gute HD-Kamera, die von ihren grundsätzlichen 4K-Fähigkeiten profitiert. CENTER SCAN ist eine dieser Funktionen.

Sony FS5 fn6: Bildausschnitt in HD durch Reinsprung in den 4K-Sensor

Bei Druck auf Funktionstaste 6 an der Innenseite des Handgriffs (über den Ringfinger ertastbar) wird der Bildausschnitt vergrößert. Technisch gesehen wird jetzt nur noch der mittlere Teil des 4K-Sensors genutzt, und zwar in voller HD-Qualität (Crop Mode). Praktisch gesehen heißt das: Aus einem Objektiv werden zwei. Vereinfacht dargestellt funktioniert das ganze wie ein Brennweitenverdoppler, natürlich nur digital und nicht optisch. Die Qualität ist gut, man kann in den beiden CINE-Gammas (PP1 und PP4) ohne Bedenken sogar bis zu +12dB Gain hinzufügen.

Nachts auf dem Kutterfisch-Trawler, als die Seeleute die Netze einholten, habe ich mit einer 35mm-Festbrennweite (und 0,71x-Fokalreduktor) gedreht und versucht, möglichst nah ans Geschehen heranzukommen. In manchen Situationen war es hilfreich, kurz einmal etwas größer hervorzuheben, etwa arbeitende Hände oder Gesichter.

CENTER SCAN lässt sich leider nur zwischen den Aufnahmen aktivieren. In der Praxis heißt das: Aufnahme unterbrechen, fn6 drücken, Aufnahme wieder starten. Mit etwas Pech fehlen dann genau die entscheidenden Sekunden.

Und was ist mit Focus Peaking?

Es zeichnet auf dem LCD-Display bzw. im Sucher die Kanten von Objekten nach, die in der Schärfe liegen. Eine unverzichtbare Hilfe fürs manuelle Fokussieren, die in CINE1 und CINE4 generell besser funktioniert als im sehr kontrastarmen SLOG2. Wir haben das Focus Peaking immer angelassen und mussten daher auch keine Funktionstaste dafür opfern.

Folgende Voreinstellungen haben für uns gut funktioniert:

Voreinstellungen für das Fokus-Peaking der Sony FS5

Fazit

Diese Settings haben uns technisch eigentlich recht sicher durch die insgesamt 12 veranschlagten Drehtage geführt. Unter Mischlichtbedingungen waren die Ergebnisse unserer Weißabgleiche zwar manchmal etwas abenteuerlich, nach erneutem Versuch und Einsatz von Graukarten aber in den Griff zu kriegen.

Wichtig war uns, das gesamte Kamera-Setup so kompakt wie möglich zu halten, einerseits weil wir überwiegend mit Bahn oder Flugzeug gereist sind, andererseits weil wir uns mit kleiner Kamera den Situationen viel besser anpassen konnten. Zum Beispiel auf der J. v. Cölln: Auf hoher See schaukelt es permanent ganz schön. Immer wieder haben wir dort Einstellungen mit nur einer Hand gedreht, während wir uns mit der anderen irgendwo festgehalten haben. Die FS5 ist für solche Szenarien genau das richtige Werkzeug.

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