HPX 171-Kamera-Rig deconstructed

Etwa ein Jahr mit zahlreichen 35mm-Adapter-Drehs und jede Menge Kopfzerbrechen habe ich gebraucht, um mein Kamera-Rig endlich so zu optimieren, dass damit effizientes Arbeiten möglich ist.

Vor ein paar Wochen hatte ich hier bereits beschrieben, dass die Arbeit mit einem Adapter logischerweise viel statischer läuft. Für schnellen, tagesaktuellen Videojournalismus also völlig ungeeignet. Interessant aber für aufwendigere Produktionen, vor allem Interviews, Magazinstücke, Imagefilme, Dokumentarfilme, Portraits etc.

Wegen des Gewichts der ganzen Konstruktion habe ich häufig nur noch vom Stativ gedreht. Schultern ließ sich die gesamte Konstruktion bisher noch nicht, so dass ich die Kamera maximal auf Brusthöhe halten konnte, und das auch immer nur für relativ kurze Zeit.

Die Idee, mein altes und durchaus bewährtes DV Rig Pro wieder einzusetzen, war schnell gegessen. Zwar funktionierte das mit Hilfe einer kleinen Adapterplatte gar nicht schlecht, doch zwei Aspekte hatten mich sofort gestört: Einerseits die nicht ganz ausgereifte Balance, andererseits die viele Herumschrauberei, wenn ich schnell mal wieder auf das Stativ wechseln wollte.

Die jetzige Konstruktion ist da wesentlich besser und durchdachter.

Panasonic HPX 171 auf einem Stabilisierungssystem mit Zacuto- und Redrock Micro-Komponenten

Das bereits bestehende Zacuto-Rod-System habe ich mit dem microShoulderMount-System von Redrock Micro erweitert. Im Detail sind das zwei Griffe vorn, die durch ein querliegendes 15mm-Rohr verbunden sind, sowie eine Schulterstütze hinten.

Der Vorteil: In Sekundenschnelle kann ich zwischen Stativ und Schulter wechseln, ohne auch nur an irgendeiner Schraube zu drehen.

Nachfolgend die einzelnen Bausteine mal kurz vorgestellt:

MicroFollowFocus V2 von Redrock Micro

Obwohl ich anfangs fest davon überzeugt war, ausschließlich über die dafür vorgesehenen Ringe an den Nikon-Objektiven zu fokussieren, wurde mir später recht schnell klar, dass es ohne einen Follow Focus wohl nicht geht. Naheliegend war für mich der microFollowFocus V2 von Redrock Micro (einen kurzen Bericht Bericht dazu hat Philip Bloom verfasst). Weil der zusätzliche Kontrollmonitor vorn sehr viel Platz beansprucht, wäre es einerseits sehr schwierig gewesen, die Hand zum Fokussieren irgendwie noch ans Objektiv zu kriegen. Den Follow Focus habe ich so nah am linken Griff angebracht, dass ich kleinere Fokus-Korrekturen direkt mit dem Zeigefinger vornehmen kann, ohne dafür den Griff loszulassen (denn das ist immer mit leichten Wacklern verbunden).

LCD der Panasonic HPX 171 mit Marshall-Kontrollmonitor

Der Marshall-Kontrollmonitor, den ich gerade bei HD-Aufnahmen und in Interview-Situationen immer mehr schätzen gelernt habe, hat seinen festen Platz vorn auf dem Rig. Wenn ich die Kamera auf der Schulter habe, ist zusätzlich das kleine LCD-Display ausgeklappt und ich habe die wesentlichen Infos wie Zebra und Focus-Assists genau im Blick. Gerade bei HD-Aufnahmen bin ich ein großer Freund der Kantenscharfzeichnung, die das interne Display der Kamera bietet. Bei SD-Aufnahmen funktioniert das Fokussieren damit absolut narrensicher, bei HD-Aufnahmen allein reicht es aber oft nicht. Dann sollte zusätzlich einer der Focus-Assists, z.B. die Frequenzverteilungskurve oder die Vergrößerung (oder beides) zugeschaltet sein. Doch diese Hilfen belegen wertvollen Platz auf dem Display, so dass der zusätzliche Blick auf das komplette und unverdeckte Bild auf dem externen Monitor wirklich hilfreich ist. Zudem bietet er eine zweite Sichtkontrolle, ob die wesentlichen Bildelemente wirklich scharf erscheinen. Und bei Bedarf lassen sich auch dort jederzeit diverse Fokussierhilfen zuschalten (die ich persönlich allerdings etwas gewöhnungsbedürftig finde). Mehr Informationen zu dem Marshall-Monitor, den ich einsetze, gibt es hier.

Beim Verbindungskabel zwischen Kamera und Kontrollmonitor habe ich bewusst etwas Spiel gelassen, denn so ist es jederzeit möglich, schnell mal umzubauen. Wer als VJ oft allein Interviews führt, kennt das Dilemma: Meist steht die Kamera rechts, weil sich dort auch das Display befindet. Daher kann ich den Kontrollmonitor (der an einem Manfrotto 482LCD-Kugelkopf befestigt ist) jederzeit auf den Lichtschuh montieren und bleibe so beim Interview wesentlich flexibler.

Der J-Rod Twin Mount mit Sennheiser-Funkstrecke und externem Mikrofon ME44

Um den Lichtschuh jederzeit für solche Umbauarbeiten oder eine zusätzliche Videokopfleuchte freizuhalten, habe ich den Empfänger für die Ton-Funkstrecke sowie ein externes Sennheiser ME64-Mikrofon am J-Rod Twin Mount befestigt. Weil dadurch aber viel Gewicht auf der Mikrofonhalterung lastet, habe ich das Ganze noch mit ein wenig Gaffer-Tape stabilisiert. Inzwischen gibt es übrigens eine neue J-Rod-Lösung, die wesentlich stabiler zu sein scheint als die hier gezeigte (Super Strong Twin Mount, u.a. für Kameras wie die EX1/EX3, HVX201/HPX171 usw.). Einziges Manko an der Sache: Das ME64 dient vor allem als Atmo-Mikro, soll in Run-and-Gun-Situationen aber auch spontan für kurze Interviews nutzbar sein. Dank der Nierencharakteristik wäre das über kurze Distanzen möglich. Da das Mikro sich aber zu nah am Letus-Adapter befindet und dessen Motor ja bekanntlich ein leichtes Brummen von sich gibt, ist dies auf der Aufnahme auch deutlich zu hören – zumindest dann, wenn in relativ ruhigen Räumen aufgenommen wird. Bei Hintergrundgeräuschen wie Straßenlärm fällt das nicht so ins Gewicht. Trotzdem: Ein echtes Problem. Und bei Tonaufnahmen gilt generell: Shit in, shit out. Auch wenn man mit Tricks einiges in der Postproduktion lösen kann.

Das ganze Rig ist wunderbar flexibel konfigurierbar und lässt sich natürlich jederzeit umbauen, zum Beispiel für den Einsatz ganz ohne 35mm-Adapter oder für eine Video-DSLR.

Panasonic HPX171 mit Letus Extreme 35mm-Adapter

Da es inzwischen DSLR-Kameras mit Videofunktion wie die Canon EOS 5D Mark II gibt, könnten 35mm-Adapter für Videokameras demnächst wohl ein wenig außer Mode kommen.

Panasonic HPX171 mit Letus Extreme und Marshall V-LCD70P-HDA

Insofern bin ich mit der Anschaffung etwas spät dran. Aber nachdem ich lange damit geliebäugelt und mich immer wieder gefragt habe, ob es meine Arbeit wirklich nach vorne bringen könnte, habe ich mir im Februar einen Letus Exteme 35mm-Adapter gekauft. Zunächst einmal vorab: Seitdem habe ich meine HPX171 nicht mehr ohne genutzt.

Die Höhe der Folgeinvestitionen nach einem Adapterkauf ist allerdings nicht von schlechten Eltern: Neben dem reinen Adapter braucht man natürlich zunächst mal gute Linsen. Ich habe mir ausschließlich alte, gebrauchte Nikon-Festbrennweiten gekauft (Dank an Florian und Christian für die Tipps): Eine 28mm f2.8 (mehr oder minder weitwinklig), eine 50mm Normalsicht f1.4 sowie eine 85mm f2.0.

28mm Nikon AI-S, 50mm Nikon AI, 85mm Nikon AI-S

Weil der Adapter mit Nikon-Linse sehr schwer ist und ohne weitere Stabilisierung das Objektiv der Kamera beschädigen würde, braucht man ein Support-Rod-System, also ein paar Rohre, Klemmen und Halterungen, mit denen man Kamera und Adapter ordentlich befestigt. Ich habe mich für Elemente von Zacuto entschieden, die zwar nicht gerade günstig, aber sehr gut verarbeitet und an allen Ecken und Enden erweiterbar sind.

Da die Kamera nun ein paar Kilo schwerer geworden ist, musste leider auch noch ein weiteres Stativ her, denn der gute, alte Sachtler DV 2 II-Kopf trägt das alles nicht mehr (genau genommen trägt er es schon, aber Schwenks sind einfach keine Freude mehr). Ich habe mich für den Sachtler FSB8-Kopf entschieden, das ganze auf DA 75 L-Beinen. Eine gute, stabile Konstruktion, die immer noch einigermaßen leicht ist.

Doch leider ist das immer noch nicht das Ende der Fahnenstange. Wer die HPX171 kennt, weiß, dass das LCD-Display nicht unbedingt für seine hohe Auflösung bekannt ist. Und gerade bei der Arbeit mit einem 35mm-Adapter sind einfach bestimmte Arbeitsweisen (wie beim Interview etwa die Schärfe auf der Augenpartie eines Interviewpartners zu ziehen) nicht mehr ohne weiteres möglich.

Um die Schärfe wesentlich besser kontrollieren zu können, habe ich nach einigen Überlegungen (Kosten vs. Nutzen) zu einem externen Marshall-Videomonitor (Modell V-LCD70P-HDA) gegriffen. Zwar bin ich auch hier nicht so richtig von der Abbildung auf dem Display begeistert, aber in Kombination mit dem HPX-Display und der darauf zugeschalteten Kantenscharfzeichnung liege ich eigentlich nie falsch, auch nicht bei HD-Aufnahmen.

Marshall-Videomonitor V-LCD70P-HDA

Nach einem Dreivierteljahr der Arbeit mit diesem Setup ist es vielleicht noch etwas früh, ein abschließendes Fazit zu ziehen. Aber soviel für den Moment: Die Arbeit mit Adapter ist wesentlich komplizierter und läuft schon allein deshalb statischer, weil alles viel schwerer wiegt. Die Kamera mal eben aus der Hand zu führen ist Vergangenheit. Das meiste drehe ich daher vom Stativ.

Panasonic HPX171 mit Letus Extreme und DVRig Pro

Um das zu ändern, versuche ich gerade, die HPX171 samt Letus Extreme mit dem DVRig Pro zu verheiraten. So ließe sich das ganze vermutlich etwas bequemer schultern. Da die HPX/Adapter-Konstruktion aber sehr frontlastig ist, kann ich die Kamera nicht mehr vernünftig ausbalancieren und auf dem Rig befestigen. Der Schwerpunkt der HPX samt Letus liegt ungefähr unter dem Adapter, so dass ich dort noch eine Halterung für die Kameraplatte installieren muss. Ich warte derzeit noch auf das Teil.

Auch Zoomen gibt’s nicht mehr, das heißt: Um die Einstellungsgröße zu ändern, muss ich näher ran – oder aber eine andere Linse mit entsprechender Brennweite montieren.

Also warum das alles, wenn’s die Arbeit nur komplizierter macht? Ganz einfach: Die Bilder entschädigen für alles.

Für mich lohnt sich der Einsatz des Adapters bisher vor allem bei Interviews für Magazinbeiträge sowie bei ruhigen Einstellungen, bei denen ich alle Zeit der Welt habe um das Bild einzurichten. Für schnellere Situationen drehe ich immer noch mit der guten, alten DVX100 ganz ohne Adapter.