Die Kamera auf See schützen

Vor einigen Wochen waren Markus Böhnisch und ich an Bord des Trawlers Ellen Bach, wo wir erlebt haben, wie Fischfang in der Nordsee heute funktioniert. Eine Woche lang haben wir die dänische Crew rund um Kapitän Peter Iversen auf der Fahrt von Skagen bis vor die britische Küste und zurück begleitet.

Der wichtigste Teil unserer Dreharbeiten, das Fischen der rund 600 Tonnen Hering in britischen Gewässern, fand bei ziemlich starkem Dauerregen statt (im Film bei ca. 13:48 für zwei Minuten zu sehen).

Nachts auf der Ellen Bach: Fischer beim Heringsfang im Regen
Nachts auf der Ellen Bach: Fischer beim Heringsfang im Regen (Videostill aus dem Film).

Um unter diesen Bedingungen Bilder zu drehen, mussten wir die beiden Kameras gut schützen, sie dabei aber bedienbar halten. Wichtig war uns, dass

  • Zoom- und Schärferinge am Objektiv schnell ertastbar bleiben,
  • die Blende zügig verstellbar ist,
  • die Schalter für Weißabgleich und Gain ohne Aufwand zu erreichen sind,
  • ein kleines Kopflicht auf kurze Distanz für sanfte Aufhellung sorgt,
  • guter oder mindestens akzeptabler Atmo-Ton aufgezeichnet wird,
  • sowohl das LCD-Display als auch der Sucher für die Bildkontrolle verwendet werden können.

Wir nutzen beide die Sony FS5, eine kompakte und sehr ergonomische Super35-Handkamera, für Videojournalismus eine gute Option. Beide Kameras waren aufeinander abgestimmt, das heißt sie hatten identische Bildprofile und eine fast gleiche Funktionstastenbelegung.

Ende 2005 hatte ich mir für meine damals eingesetzte Panasonic DVX100 einen Regenschutz von Petrol mit der Typenbezeichnung „PRC-PA-DVX-N“ gekauft, der überraschenderweise recht gut zur FS5 passt. Wer also auf der Suche nach einem adäquaten Schutz für diese Kamera ist und nicht gleich mehrere hundert Euro für sowas ausgeben möchte, sollte sich auf dem Gebrauchtmarkt mal umsehen.

Mit ein paar Velcro-Punkten an Kamera und Objektiv lässt sich der Schutz zusätzlich gut befestigen. Das LCD-Display muss allerdings hinten links am Handgriff angebracht werden, sonst passt es nicht (die meisten FS5-Nutzer befestigen den Monitor vermutlich eher vorne links).

Sony PXW-FS5 nach Dreharbeiten bei starkem Dauerregen auf dem dänischen Herings-Trawler Ellen Bach
Sony FS5 mit Petrol-Regencape PRC-PA-DVX-N (nur noch gebraucht erhältlich).

Sobald sich allerdings die ersten Regentropfen auf der durchsichtigen Folie über dem LCD-Display ausgebreitet haben, ist eine verlässliche Bildkontrolle kaum noch möglich, zumindest nicht, wenn es um die Beurteilung der Schärfe geht.

Um das Bild bei Bedarf über den Sucher zu kontrollieren, würde ich raten, die Funktion „VF/LCD Panel“ im Menü auf AUTO zu stellen. Weil die FS5 das Bild leider nicht zeitgleich auf dem Display und im Sucher anzeigen kann, schaltet sie nun immer um, sobald sich das Auge dem Sucher nähert. Leider funktioniert diese Automatik etwas übersensibel, weshalb ich sie sonst komplett abgeschaltet lasse und bei Bedarf lieber den Schalter am oberen Rand des Displays umlege – doch das geht kaum, wenn die Kamera komplett unterm Regenschutz verpackt ist.

Sony FS5: Automatisches Umschalten zwischen Viewfinder und LCD-Display
Automatisches Umschalten zwischen Viewfinder und LCD-Display.

Fürs Aufhellen auf kurze Distanz, zum Beispiel von Gesichtern bei Interview-Statements, nutze ich normalerweise eine Dedolight Ledzilla-Kopfleuchte. Doch die hätte den starken Regen vermutlich nicht überlebt. Weil der Blitzschuh-Adapter am oberen Handgriff durch den Regenschutz permanent verdeckt war, habe ich stattdessen vorne links am Handgriff eine sehr kompakte und vor allem wasserdichte Mini-LED-Lampe, die Litra Torch 2, befestigt. Sie strahlt 5700K-Tageslicht ab, das sich über ein optionales Folienset samt Halterahmen auf Kunstlicht wandeln lässt. Dank des Diffusors ist das Licht sehr weich und eignet sich auf kurze Distanz optimal für Interviews. Allerdings hält der intern über USB aufladbare Akku auf maximaler Stufe höchstens 45 Minuten, eher kürzer.

Sony PXW-FS5 mit Litra Torch 2.0 und SmallRig-Befestigung
Sony PXW-FS5 mit Litra Torch 2.0 und SmallRig-Befestigung.

Um die Leuchte vorn links anzubringen, bieten sich die beiden SmallRig-Adapter (1831 und 860) an. Sie sind stabil, leicht, kompakt und individuell verstellbar.

Ein wenig Glücksspiel blieb die Sache mit den Mikrofonen. Ich nutze das Audio Technica AT875R, ein Richtmikrofon, das für seinen Preis eine erstaunlich gute Qualität liefert und dabei sehr kompakt ist. Auch bei weitwinklingen Aufnahmen ragt es mit Windschutz nicht ins Bild.

Mit Wasser vollgesogener Mikrofon-Windschutz.
Mit Wasser vollgesogener Mikrofon-Windschutz.

Wie lange wir die Mikros unter diesen Bedingungen einsetzen konnten, wussten wir vorher nicht. Insgesamt haben die Seeleute drei Mal ihre Netze eingeholt, leergepumpt und auf die Tanks verteilt, bis sie ihre 600 Tonnen Hering an Bord hatten. Und jedes Mal hat es dabei stark geregnet. Pro Vorgang brauchten wir etwa 45 Minuten, um die benötigten Bilder im Kasten zu haben. Viel länger hätte es wahrscheinlich auch nicht dauern dürfen. Die Mikros haben es überlebt, die Windschütze landeten jedes Mal zum Trocknen im Maschinenraum und die Atmo hatte die Qualität, die wir uns erhofft hatten.

Ein kurzer Hinweis zum Schluss: Bei einem techniklastigen Blog wie diesem lässt sich kaum vermeiden, dass allerlei Produktnamen fallen. Bei allen Links auf dieser Website handelt es sich nicht um Affiliate-Marketing, Partner-Links oder anderweitig kommerziell motivierte Verknüpfungen. Sämtliche Produkte habe ich selbst zu marktüblichen Preisen gekauft. Ich betreibe das Blog aus Spaß an der Sache, nicht um mit Produkthinweisen Geld zu verdienen.

Freddy

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Video-Link: https://vimeo.com/18475579

Als ich Freddy im Dezember vergangenen Jahres das erste Mal traf, fiel mir gleich sein fester Händedruck auf. Ich wusste nicht viel über die Glasknochenkrankheit. Meine anfängliche Unsicherheit hat er mir schnell genommen.

Freddy ist 30, Biochemiker am Deutschen Rheuma-Forschungszentrum, und arbeitet gerade an seiner Doktorarbeit. Für die Caritas-Kampagne Kein Mensch ist perfekt durfte ich dieses Portrait produzieren.

Gedreht habe ich das ganze mit der Canon 550D / Rebel T2i, die ich samt Zoom H1 und Sennheiser EW100 G2-Funkstrecke sowie dem externen Marshall-Monitor auf dem Schulter-Rig befestigt habe. Bis auf das Interview sind sämtliche Bilder frei aus der Hand gedreht.

Weil ich die Kamera oft unter Hüfthöhe gehalten habe, war der externe Monitor unverzichtbar. Viel lieber fokussiere ich aber über die Liveview-Anzeige mit dem LCDVF. Insofern war der ständige Wechsel zwischen beiden Displays etwas nervig, denn sobald der Monitor angeschlossen ist, bleibt die Anzeige der Kamera schwarz. Ständiges Steckerziehen und wieder reinstöpseln war die Folge. Keine Ahnung, wie oft die Buchse der Kamera sowas mitmacht.

Als Objektiv habe ich ausschließlich das Tamron 17-50mm verwendet, weil es beim APSC-Sensor der 550D einen guten Kompromiss zwischen der nötigen Weitwinkligkeit für Raumaufnahmen und mittlerer Brennweite für Nahaufnahmen aus kurzer Distanz bietet. Und das alles mit einer offenen Blende von f/2.8 über die gesamte Brennweite.

Leider war die Magic Lantern-Firmware zum Zeitpunkt der Dreharbeiten noch nicht verfügbar. Sie hätte sicher das ein oder andere vereinfacht, beispielsweise die Tonaufnahme (um später nicht synchronisieren zu müssen) oder die korrekte Belichtung dank der jetzt verfügbaren ISO-Zwischenwerte wie bei der 7D.

Auch wenn die Dreharbeiten insgesamt recht reibungslos verliefen (allein schon dank Freddys Geduld), traten natürlich die üblichen Probleme der Arbeit mit DSLR-Kameras auf.

  • Wegen ständig wechselnder Drehorte und Lichtverhältnisse war der deutlich zu zeitraubende manuelle Weißabgleich nicht immer möglich. Also habe ich hier und dort mit Presets gearbeitet, was ein nachträgliches Color Grading (mit Magic Bullet Looks) erforderte. Auch aus diesem Grund habe ich von vornherein mit einem Superflat-Picturestyle gedreht, um möglichst viele Reserven dafür zu haben.
  • Einige wenige Aufnahmen waren allein schon deshalb unbrauchbar, weil Aliasing- und Moiré-Muster auf Strukturen im Bildhintergrund einfach zu heftig waren.
  • Während des etwa 45 Minuten langen Interviews musste ich einige Male unterbrechen, u.a. wegen des 12 Minuten-Aufnahmelimits und Überhitzung der Kamera.

Ausgeleuchtet habe ich das Interview mit recht kompakter Technik. Als Führungslicht diente die Akku-betriebene MicroPro-Leuchte von Litepanels mit 96 LEDs, gedämpft durch ein wenig Frost-Folie. Als Haarlicht habe ich mit der Schreibtischlampe im Hintergrund improvisiert.

Update (01.03.2011): Am 20. Februar sind Freddy und ich mit dem Deutschen Webvideopreis in der Kategorie „Dokumentation“ ausgezeichnet worden. Große Freude! Vor allem weil’s ein Publikumspreis war, mit dem wir nun wirklich nicht gerechnet hatten. Vielen Dank von uns beiden!

Zooming In on Online Video

Das umfangreiche Dossier der Newspaper Association of America, auf das Markus in seinem Blog verweist, ist wirklich eine feine Sache.

Sehr detailliert werden viele wichtige Fragen rund um das Thema Online-Video aus journalistischer Perspektive abgehandelt, zum Beispiel wann und wie Online-Video eingesetzt werden sollte, welche Technik dafür benötigt wird, wie es hinter den Kulissen bei verschiedenen US-Sites zugeht usw.

Lesestoff für die nächsten Tage…